Emotionaler Hang-Over. Inzwischen ist es schon mehr als 24 Stunden her, seitdem die Partie in Großaspach abgepfiffen wurde. 1:0. Holstein ist aufgestiegen. Holstein ist in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Ein Ereignis, das in jedem Jahr zwei bis drei Vereinen zu teil wird. Ist es deshalb etwas normales? Auf gar keinen Fall! Und auch auf gar keinen Fall für Holstein, Holstein-Fans – und bestimmt nicht für mich.

 

ahoi

 

Ich bin 1999 nach Kiel gezogen, genauer gesagt in die Wik. An einem sonnigen Sonnabend zogen einige Leute mit blau-weiß-roten Schals an meinem Fenster vorbei. Zu Holstein Kiel, das wusste ich, weshalb ich mich einfach anschloss. Das Holstein-Stadion war damals baufällig, ohne heile Toiletten und mit Büschen, die aus dem maroden Beton wuchsen. Auch war der Fußball, der geboten wurde, nicht das größte Highlight. Trotzdem ließ mich der Verein nicht mehr los.

 

Als ich im Winter mit meinem ersten Holstein-Schal in die Uni fuhr, fragte mich mein Prof ernsthaft: "Holstein Kiel? Die gibt es noch?" Wohlgemerkt Luftlinie 500 m vom Holstein-Stadion entfernt, dem Ort, der zu meinem zweiten Wohnzimmer geworden war. Selbstverstänlich war ich 2002 beim DFB-Pokalspiel gegen Hertha BSC dabei. 4:1 im Elfmeterschießen. Was für ein Tag! Plötzlich erntete ich kein Mitleid mehr, wenn es in den Gesprächen um Holstein ging. Eine Freundin fragte sogar, ob ich sie zur nächsten Runde mitnehmen würde. Zum Spiel gegen Bochum war es arschkalt, der Wind fegte durch das damals noch offene Rund. Trotz der Niederlage hatten einige Menschen an der Förde ihre Liebe zu Holstein (wieder)entdeckt. Natürlich nicht in den Dimensionen, die einige Jahre später folgen sollten.

 

Es kamen Jahre mit Heimspielen vor kleiner und großer Kulisse, es gab Auswärtsfahrten, bei denen wir mit 13 Leuten im Nieselregen standen. Fühlte es sich schlecht an? Klar! Fühlte es sich falsch an? Auf gar keinen Fall. Ab 2006 war, wenn immer es zu Holstein ging, zudem noch die Frau an meiner Seite, die ich vier Jahre später heiraten sollte. Drittes Date: Landesderby. Zusammen gab es große Momente, wie der erste Aufstieg in die 3. Liga und die wunderbare Pokalsaison 2011/12. Es gab Ärgernisse, wie Falko Götz, es gab erfüllende Abende mit Kalle Neitzel, der mir wie kein anderer zuvor seine Philosophie vom Fußball erklärte. Und es gab Tragödien. München. Bittere Tränen. "Immer, wenn es bei Holstein um etwas geht, wird man als Fan mit Enttäuschung konfrontiert", so das Klischee, das sich anscheinend immer wieder bewahrheitete. Ich selbst kämpfte immer dagegen an, daran zu glauben. Nein, irgendwas musste da doch irgendwann kommen. Der große Moment. Die Hoffnung trieb mich immer an, ungezählte Kilometer wurden abgespult. Es ist absoluter Quatsch zu glauben, dass Fußball nur irgendein Sport ist. Und genauso falsch ist es zu glauben, dass Holstein irgendein Verein ist.

 

Zur Mitte dieser Saison hatten sich viele Fans schon mit einer „Mittelfeldsaison“ abgefunden. Vielen fehlte zu häufig die Konstanz, um wirklich daran zu glauben, dass es Zeit für etwas großes werden sollte. Besonders nach dem Osnabrück-Spiel war die Stimmung bei den meisten im Keller. Solche Niederlagen schmerzen im mehrfachen Sinn. Zum einen fällt es häufig schwer, die Zuversicht trotz schlechter Spiele zu behalten. Zum anderen versucht man die Mannschaft zu verteidigen. Und zum dritten hofft man, dass die eigenen Hoffnungen nicht irgendwann doch ganz schwer enttäuscht werden.

 

Das kostet manchmal sehr viel Nerven. Und manchmal muss auch ein Tal der Tränen durchschritten werden (danke an alle, die mich begleiten), um das, was am Sonnabend in Großaspach passiert ist, schätzen zu wissen. Es war nicht einfach nur ein Sieg, es war nicht einfach nur irgendein Aufstieg. Es war eine Belohnung für ganz viele Menschen. Wenn man sie aufzählt, wird man immer jemanden vergessen. Nicht vergessen möchte ich Roland Reime, der es mehr als verdient hätte, diesen Moment mitzuerleben. Erinnern möchte ich an alle Architekten des Erfolgs – Thorsten Gutzeit, Jan Sandmann, Karsten Neitzel, Markus Anfang, Tom Cichon, Uwe Stöver, Ralf Becker, Wolfgang Schwenke und jeden, natürlich auch die Herren Lüthje und Langness, der seinen Teil dazu beigetragen hat, dass dieser Erfolg möglich wurde. Und ganz besonders bedanken möchte ich mich bei den Spielern, die verstanden haben, dass Holstein für so viele Menschen eben doch der Lebenssinn ist.

 

bus

 

„Ich freue mich für dich. Ich habe gesehen, was Holstein dir bedeutet. Also ist das heute auch ein bisschen für dich.“ Diese Worte von Dominic Peitz fand ich einfach nur ganz großartig. Und sind typisch Holstein. Dafür liebe ich diesen Verein.

 

Ich war dabei. Ich bin dabei. Ich werde immer dabei bleiben.

 

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