Schauinsland-Reisen-Arena/Wedaustadion, 22. September 2017, Endstand 1:3

 

„Nachts auf der Autobahn, hab noch mindestens drei einhalb Stunden zu fahren“
(Erik Cohen, „Schattenland“)

 

Ja, wenn man dann wenigstens schon auf der Straße wäre. Doch noch sitzt ein Kieler zusammen mit ein paar Anhängern des gastgebenden Vereins, in einem Döner-Pizza-Laden neben einer Trinkhalle, in der zuvor Proviant für die Fahrt eingekauft wurde, im Ruhrpott. Normalerweise heißt die Pizza/Döner-Kombination ja, dass beides nur so halbgut ist – Byblos in Marl ist hingegen ein echter Tipp (nur so, falls jemand mal in Marl ist), denn die Besitzer sind Araber und zaubern neben dem oben genannten Kram auch eine hervorragende Auswahl von orientalischen (Vor-)Speisen, die auch zu vorgerückter Stunde noch liebevoll angerichtet werden.

 

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Da wird die Wursttestfraktion glatt zum Vegetarier. Bei so leckeren Speisen lässt es sich hervorragend über die vorangegangenen 90 Minuten diskutieren. Das Konfliktpotenzial hält sich dabei in Grenzen, denn das Fazit der MSVer lautet, dass die Punktevergabe an diesem Abend ziemlich in Ordnung geht, wenn auch mit etwas Glück für Kiel. Dem kann sich der norddeutsche Vertreter ohne Widerspruch zu 100 Prozent anschließen. Ein fast schon harmonischer Abschluss einer Englischen Woche, die vielleicht noch ein wenig Zeit braucht ehe sie komplett verarbeitet ist. Zeit dafür ist schon auf dem Rückweg, auf dem sich mal wieder zeigt, dass nicht die Baustellen, sondern zu viele Menschen in zu vielen Autos das Problem sind. Um vier Uhr nachts fühlt es sich auf der A1 fast ein bisschen wie Belgien an...

 

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Doch die Uhr ein paar Stunden zurückgedreht: Der Weg in Richtung Westen gestaltet sich trotz des üblichen freitäglichen Verkehrs als relativ unproblematisch und so ist eine gewisse Zeitreserve vorhanden, um ein kleines Stück Fußball-Geschichte des Ruhrpotts zu besichtigen. Was sollte einen auch sonst nach Oer-Erkenschwick ziehen? :D Dort wurde 1934 in Nachbarschaft zur Zeche Ewald Fortsetzung die Hindenburg Kampfbahn eröffnet, die einst 25.000 Zuschauer fasste. Unbenannt in Stimberg-Stadion bietet es der Spvgg Erkenschwick 1916 ein Zuhause, wobei inzwischen meist auf dem angrenzenden Kunstrasen gekickt wird.

 

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In der Saison 1980/81 konnte aber im großen Rund Zweitliga-Fußball bestaunt werden (mitverantwortlich für den Aufstieg war übrigens ein Lizenzspieler mit dem Namen Sönke Wortmann), somit hatte auch Holstein Kiel hier ein Auswärtsspiel. Dieses endete am 20. August 1980 mit einem 2:2-Unentschieden.

 

Ein Punkt im Pott wäre auch 2017 ein akzeptables Ergebnis gewesen, schließlich ist der MSV Duisburg ein wenig die Wundertüte der 2. Bundesliga und bei Holstein standen personelle Veränderungen an (zum Glück bewahrheiteten sich die Hiobsbotschaften von einem großen Lazarett mal wieder nicht). Der Fußball-Gott gelb-rot-gesperrt und Lenz immer noch verletzt bedeutete, dass die defensiven Außen etwas anders, als zu Saisonbeginn besetzt werden mussten. So kam es zum, von einigen mit Spannung erwarteten Startelf-Debüt von „Jojo“ van den Bergh. Das Ganze vor rund 13.000 Zuschauern, wovon rund 450 blau-weiß-ROT gekleidet waren.

 

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Vor der Partie hatte Duisburgs Trainer Ilija Gruew ein wenig gestichelt, dass Holsteins Saisonstart nur deshalb so gut gewesen sei, weil die Störche es quasi nur mit leichten Gegnern zu tun gehabt hätten. Ob das vielleicht sogar noch eine kleine Zusatzmotivation für die Störche war? Die ersten 30 Minuten fand Gruews Team zumindest kaum ein Mittel gegen die Gäste, konnte sich kaum aus der eigenen Hälfte befreien. Die Kieler zogen hingegen wieder einmal von Beginn an ihr Spiel durch und glänzten mit frühem Pressing. Und schon nach neun Minuten netzte der Kieler „King“ zur Führung ein. Drexler hatte Schindler mit einem sekundengenau getimten in Szene gesetzt, dieser zog von rechts in den Strafraum und konnte Duisburgs Keeper Flekken relativ unbedrängt mit einem gefühlvollen Schuss aus kurzer Distanz überwinden.

 

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Die Führung war zu diesem Zeitpunkt verdient und blieb es auch bis zum Seitenwechsel. Größtes Manko der Kieler war, dass es nach 45 Minuten „nur“ 1:0 aus Gästesicht stand. Drexler, Ducksch, Mühling – keiner konnte den Ball im Tor unterbringen.

 

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Und so war nach Seitenwechsel plötzlich zittern angesagt. Die Hausherren hatten plötzlich im Minuten-, wenn nicht sogar Sekundentakt hochkarätige Chancen auf den Ausgleich. Allerdings hatten die Zebras in dieser Phase etwas Pech (Aluminium und knapp vorbei) und die Störche einen an diesem Tag brutal gut aufgelegten Kenneth Kronholm. Das Heimpublikum in dieser Phase teilweise richtig laut, was die eigenen Spieler auf dem Rasen merkbar pushte. Nach ungefähr 70 Minuten gelang es Holstein wieder besser, eigene Akzente zu setzen, sich aus der Umklammerung zu befreien. Und das sehr schnell mit Erfolg: Nach einem 50m-Pass von Lewerenz ging Drexler alleine auf den Torwart zu, ein Haken, ein Schuss – 2:0! Zu diesem Zeitpunkt doch ein wenig überraschend, aber nimmt man mit ;) Selbst von Duisburger Seite gab es bei der anschließenden „Besprechung“ des Spiel große Anerkennung für so einen schnellen und präzisen Konter.

 

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Die endgültige Entscheidung dann kurz vor Abpfiff: Nachdem Kingsley Schindler von Flekken im 16er abgeräumt worden war, trat Dominick Drexler an – und verwandelte sicher In die letzten Minuten passten dann noch zwei Ereignisse. Zum einen gelang dem MSV noch das 1:3 durch Lukas Fröde, was insofern nur schmerzte, dass es dadurch kein „Zu-Null-Sieg“ werden sollte. Zum anderen darf sich Tim Siedschlag seit dem 22. September 2017 jetzt auch ganz offiziell und so richtig Zweitliga-Spieler nennen. Top Einwechselung, Herr Anfang!

 

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Unter dem Strich ein verdienter Sieg (mit einem kleinen bisschen Glück) und die Punkte 14, 15 und 16 für den Klassenerhalt. Die nächsten können am nächsten Sonnabend gegen den VfL Bochum gesammelt werden. Hoffentlich mit der nötigen Unterstützung im Rücken – übrigens haben nicht nur Ultràs eine Stimme (bei der Wahl und im Stadion ;) ).

 

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