Städtisches Stadion an der Grünwalder Straße, 19. August 2018, Endstand: 1:3

 

18. August 2018, 6 Uhr - Die Kieler Reisegruppe macht sich auf in Richtung Süden. Zu zwei dritteln vergleichweise spontan, die komplette Distanz mit dem Auto (dafür mit Fußball und Übernachtung in Franken), zu einem drittel ab Hamburg per Flieger direkt nach München. In Giesing finden die Norddeutschen wieder zusammen...

 

2. Juni 2015 - Allianz Arena. Das Rückspiel der Relegation zwischen der 3. Liga und der 2. Bundesliga ist gerade abgepfiffen. Die Löwen in erleichtertem Freudentaumel. Die Störche mit einer Mischung aus Stolz und Trauer. Drei Jahre und zweieinhalb Monate später schmerzte die Erinnerung gar nicht mehr so sehr. Auch, weil sich die Verhältnisse seit dem geändert haben. Der TSV, nach dem Fall in die Regionalliga und dem direkten Wiederaufstieg nun in der 3. Liga, empfing die KSV diesmal als Underdog. Ein weiterer Unterschied? Gespielt wurde nicht in dem Schlauchboot in Fröttmaning, sondern mitten in Giesing. Gibt es eine positive Sache am Abstieg der Löwen, so ist es vermutlich die Rückkehr an die Grünwalder Straße. 

 

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Lange war es 1860 aufgrund der hohen Auflagen in den beiden oberen Ligen nicht möglich, die Heimspiele in ihrem eigentlichen Stadion auszutragen. Nicht nur für die Anhänger des Vereins ein Umstand, der zu großem Bedauern geführt hatte. Fußballnostalgiker mussten auf die Spiele des Nachwuchses, vorzugsweise auf die kleinen Derbies 1860 II gegen FC Bayern II ausweichen.

 

Das Städtische Stadion an der Grünwalder Straße, wie es heute offiziell heißt, geht zurück auf den 1911 eigens durch die Löwen errichteten Sportplatz. Schon damals gab es eine überdachte Holztribüne für 160 Zuschauer, Garderoben und Waschräume. Bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges wurde das Stadion regelmäßig erweitert. Schwere Kriegsschäden machten einen Wiederaufbau nötig. Bis heute wurde an dem Stadion immer wieder ausgebessert, ausgebaut und die alles dafür getan, dass die nötigen Auflagen erfüllt werden. Bekanntlich nicht immer mit Erfolg. Mal konnten Europapokalspiele an der Grünwalder Straße stattfinden, hatten sich die Auflagen zu Ungunsten der "Sechz'ger" geändert oder der Renovierungsstau konnte nicht aufgeholt werden, wurde ausgewichen, vor Existenz der Allianz Arena zum Beispiel ins Olympiastadion. Nicht selten stand auch ein möglicher Abriss zur Diskussion. Doch zum Glück wurden diese Pläne nie umgesetzt. Stattdessen wurde weiter saniert und mit dem Sturz in die Regionalliga kehrten die Löwen wieder in ihre Heimat in Giesing zurück.

 

Sportlich lief es in der Regionalliga derart gut, dass die Zuschauerzahlen alle Rekorde brachen. Am Ende waren an der Grünwalder Straße fast zehn Mal so viele Zuschauer, wie beim zweiten der Zuschauertabelle FC Augsburg II.
Auf Kieler Seite wurde die Auslosung mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Zu präsent waren die Erinnerungen an den Juni 2015 bei einigen. Außerdem war Kiel doch im Profitopf und so mancher hatte sich eine Dorftour zu einem Underdog gewünscht. Nun war München nicht gerade ein Dorf. Aber der Gegner war vor allem nach dem holprigen Start in die Drittligasaison, der Underdog. Die Favoritenrolle im Pokal war neu für die Störche. Ob dieser Umstand dazu beigetragen hatte, dass das Spiel zunächst einen unbefriedigenden Verlauf zu nehmen drohte, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Vielleicht war es aber auch die durch aus witzige Choreo auf der Westtribüne, der einen Löwen zeigte, der hinter einem Storch her war und ihm am Ende auch erwischte.

 

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Sicher ist, dass die erste Hälfte aus Kieler Sicht eher nicht so rühmlich verlief. Das Spiel war gerade mal sechs Minuten alt, als das erste Tor fiel - für die Gastgeber. Grimaldi brachte den Ball auf Karger, Schmidt und Kronholm ohne Chance. Eine kalte Dusche für die Gäste. Eine echte Reaktion ließ leider auch auf sich warten. Wer gehofft hatte, der Treffer der Münchener würde als Weckruf fungieren, der wurde enttäuscht. Holstein bekam die bissigen und ruppigen Löwen nicht in den Griff. So hatten auch die Störche vor noch nicht allzu langer Zeit ihre Spiele in der 3. Liga gewonnen. Ästhetik entwickelte sich keine auf und die Räume, die ein Lee in Hamburg noch hatte, wurden regelmäßig von 1860 dicht gemacht. Was schon Heidenheim im letzten Ligaspiel gut gemacht hatte – in erster Linie aufs Zerstören des Kieler Spiels aus sein - klappte auch bei diesem Pokalspiel hervorragend. Nach 45 Minuten rauften sich die Kieler auf den Rängen und auf dem Rasen die Haare. Ein Zweikampfquote von 29% sprach Bände.

 

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Halbzeit zwei begann deutlich kontrollierter aus Holsteiner Sicht. Die Gastgeber ließen zwar wenig zu und konzentrierten sich mehr darauf, den Spielstand zu verwalten als noch zu erhöhen, doch die Gäste konnten sich deutlich öfter als noch in der ersten Hälfte Platz erspielen. Besonders Lee und Schindler kamen zunehmend in Fahrt und spielten sich aufeinander ein. Das sollte sich noch auszahlen.

 

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Zunächst war es aber das Duo Seydel/Mühling, dass zum Zug kam. Der frisch eingewechselte Seydel gewann ein Laufduell gegen den rechten Verteidiger der Löwen und legte Mühling den Ball auf, der zum Ausgleich traf. Der Treffer sorgte verständlicherweise für einen erleichterten Jubel im Gästeblock. Aber noch war das Spiel nicht vorbei und nach dem aktuellen Stand bedeute das Unentschieden eine Verlängerung, die auf einem Sonntagabend und bei einer Distanz von rund 880 Kilometern nicht jedem recht war. Den Löwen war aber klar, das ein weiterer Treffer vor Ablauf der 90 Minuten günstiger erschien, da die Distanz über 120 Minuten konditionell für die Kieler einfach werden dürfte.

 

1860 erwachte daher aus seiner Grundordnung, den Gästen den Spielaufbau zu überlassen und wurde aktiver. Dadurch ergaben sich größere Räume für die KSV, diese konnte wieder Mühling wenige Augenblicke später noch nicht zur Führung nutzen – Außennetz. 1860 pfiff konditionell aus dem letzten Loch, die KSV hingegen präsentierte sich noch frisch und voller Tatendrang. Wieder hatte sich Holstein vor dem 1860-Tor eingerichtet, der Ball kam abermals zu Mühling, der aus 20 Metern den Ball unhaltbar zur Führung verwandelte. Ein Plädoyer für den Distanzschuss! Holstein wollte es nun zu Ende bringen, hatte aber Glück, dass Wahl einen gefährlichen Pass auf Ziereis abfangen konnte. Besser machte es die KSV-Offensive dann eine Minute vor Ende der regulären Spielzeit, als Schindler frei vor Torwart nach einem Konter keine Mühe hatte, für die Entscheidung zu sorgen.

 

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Auch wenn insbesondere die erste Halbzeit von einer gewissen Ideenlosigkeit gegenüber tief stehenden Löwen geprägt war, glaubte die KSV immer an den  Matchplan von Tim Walter, der nach seinen zwei Derbysiegen mit den kleinen Bayern auch mit der KSV ein Spiel gegen 1860 für sich entscheiden und damit in drei Spielen seiner Mannschaften gegen die Blauen ganze drei Siege einfahren konnte. Ebenfalls sehr positiv zu bemerken war die Qualität, die Holstein mit Honsak und Seydel ins Spiel brachte, wohl dem, der solche Alternativen auf der Bank hat. Was bleibt, war somit ein am Ende verdienter Sieg mit kleinen Anlaufschwierigkeiten, der die Holstein-Fans einmal mehr am 26. August nach Dortmund schauen lässt, wo dann die Partien der nächsten Runde gezogen werden.

 

Doch nach dem Spiel, ist vor der Rückfahrt und diese hatte es wirklich in sich. Im Gegensatz zu den zeitgleich stattfindenden Gastspielen von Union in Jena und Gladbach in Bremen lagen fast 900km Rückfahrt vor den Auswärtsfahrern, die man sofort im Angriff nahm. Die Zeiger drehten sich und drehten sich, es wurde schon wieder hell, um Punkt 6 Uhr hatte einen die Fördestadt wieder und während sich der eine noch für drei Stunden aufs Ohr legen konnte, ging es für den anderen nahezu direkt zur Arbeit. Person drei aus der Reisegruppe gönnte sich noch eine Verlängerung im Freistaat.

 

Es waren einmal mehr exakt 48 Stunden Wahnsinn mit einer Fahrdistanz, die andere Vereine für vier Auswärtsspiele oder andere Menschen für ihren Jahresurlaub verfahren. Und von ganz weit her drang die Stimme von Marcus Wiebusch an unsere Ohren, statt „tränenreich in eine höhere Liga“ ging es eher „glücklich in die nächste Runde“ und auch, wenn der Fußball bisweilen mit zu viel Pathos gesehen wird, Holstein bleibt irgendwie eine „grenzenlose Liebe gegen ein paar hundert Kilometer“.

 

Alle Bilder in der Galerie.

 
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