Mommsenstadion, 24. Februar 2017, Endstand 3:1

 

Auftakt ins Fußballwochenende in der Bundeshauptstadt. Der TeBe-Freitagabend-Termin passte natürlich für die Reisegruppe aus dem Norden perfekt. Nur die Informationen aus Berlin ließen in den Tagen vor dem Spiel nichts gutes ahnen. Als städtischer Platz würden Absagen schon bei drei Tropfen Regen erfolgen und in dieser Woche gab es an der Spree eigentlich Dauerregen. So lauteten die Aussagen irgendwas zwischen „fällt definitiv aus“ und „findet höchstwahrscheinlich nicht statt“. Doch – Entscheidung sollte am Freitagmorgen erfolgen und die war zur Freude aller positiv. Also mit guter Laune auf die Autobahn, Kurs Richtung Südost und nur 3 ½ Stunden später wurde das Auto in Charlottenburg geparkt.

 

Vor dem Stadionbesuch war noch genügend Zeit für ein kleines Abendessen. Dank der Berliner Bekanntschaft ging es in die kleine, urige Pizzeria „Senza Nome“, wo Tina und Toni (inzwischen stolze 79 Jahre alt) inzwischen seit 40 Jahren eine der besten Pizzen der Stadt servieren. Der Laden, an dessen Wänden neben diversen Plakaten von Boxveranstaltungen ganz klar die Hertha dominiert, hat durchaus einen besonderen Charme.

 

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Einige würden rumpelig sagen, wir und die meisten anderen sagen „ehrlich und gemütlich“. Vielleicht ist der Schreiber aber auch ein wenig geschmeichelt, da der Besitzer darauf besteht, man sei ein bekannter TV-Star :D

 

Nachdem man so schon mal ganz gut in der Stadt angekommen ist, geht es weiter Richtung Mommsenstadion. Freitag, Flutlicht Fußball – dieser Dreisatz lässt das Herz des Groundhoppers immer wieder freudig pochen, und natürlich auch an diesem Abend, als das Auto auf dem Parkplatz hinter der Haupttribüne abgestellt wird.

 

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„Endlich“, denkt der Schreiber, denn Stadion und Verein standen schon seit Ewigkeiten auf der To-Do-Liste. Besonders auch wegen wechselvollen Geschichte des Vereins, zu der sicher ganze Bücher geschrieben werden könnten (und andere Leute haben das auch schon getan), hier sei der Versuch einer Kurzusammenfassung gewagt. Los ging es im Jahr 1902 als Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft Borussia. Wie der Name bereits vermuten lässt, war Fußball nicht die ursprüngliche Idee, die Sparte wurde allerdings schon ein Jahr später gegründet. Es dauerte noch bis in die 1920er, ehe sich TeBe in dieser Disziplin einen Namen machen konnte. Bedeutenden Anteil daran hatte der spätere erste Reichstrainer Otto Nerz. Und auch unter den Spielern tummelte sich mit Sepp Herberger ein prominenter Name. Ins Finale um die Oberliga-Meisterschaft ging es erstmals 1928, wo allerdings die unbezwingbare Hertha wartete. In den nächsten vier Jahren wiederholte sich das Spiel, erst 1932, als der Gegner Minerva 93 Berlin hieß, wurde die Hürde übersprungen und es ging in die Endrunde um die Deutsche. Dort konnte der Verein allerdings nicht zu Höhenflügen ansetzen.

Eine Zäsur kam mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, als die jüdischen Mitglieder (rund ein Drittel aller Mitglieder) den Verein verließen, um einer Auflösung zuvor zu kommen.

 

Ende der 1940er/Anfang 1950er war TeBe nach der zwischenzeitlichen Neugründung als „Sportgruppe Charlottenburg“ die Nummer eins in der Stadt und gewann 1950, 1951 und 1952 die Meisterschaft dreimal in Folge. Zur Einführung der Bundesliga war der Verein dann allerdings schon ins dritte Glied gerückt – hinter Hertha BSC und Tasmania 1900 . Zweimal, 1974/75 und 1976/77 schaffte es die Elf vom Mommsenstadion trotzdem in die „belle etage“ des deutschen Fußballs, stieg allerdings beide Mal am Saisonende wieder ab. In der 2. Bundesliga Nord traf Tennis Borussia dann auch auf Holstein Kiel, und war dort für die höchste Niederlage der Störche (0:9) verantwortlich. Die Einführung der „Eingleisigen“ bedeutete allerdings für beide Teams den Gang in die Drittklassigkeit.

 

Ein weiteres wichtiges Kapitel in der Vereinsgeschichte kam in den Neunzigern, als TeBe 1993/94 und von 1998 bis 2000 in der eingleisigen 2. Bundesliga kickte. Im DFB-Pokal feierte man 1993/94 den Einzug ins Halbfinale (wo man sich allerdings Rot-Weiss Essen geschlagen geben musste), zudem wurde in der Saison 1998/99 Stadtrivale Hertha BSC vor 40.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion mit 4:2 geschlagen. Nach der Insolvenz des Hauptsponsors (der dubiosen Göttinger Gruppe) geriet auch der Verein in finanzielle Schieflage. Es folgte der sportliche Abstieg, inzwischen spielt Tennis Borussia aber immerhin wieder eine gute Rolle in der Oberliga Nord-Ost Nord.

 

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Womit wir auch wieder im hier und jetzt angekommen wären und uns inzwischen schon auf dem Weg Richtung Eingang befinden. Ticket gekauft, die Stufen erklommen, Stadionheft erworben und schon blickt die Kiel-Flensburg-Reisegruppe in das Rund, das ein wenig an das heimische Holstein-Stadion vor dem Umbau 2006 erinnert. Herzstück der 1930 eröffneten und nach dem Historiker Theodor Mommsen benannten Anlage ist die vom deutsch-ungarischen Architekten Fred Forbát (der in den 1920ern in Walter Gropius' Atelier und am Weimarer Bauhaus tätig war) entworfene Haupttribüne. Hingucker sind dabei die geschwungenen Treppenaufgänge zu beiden Seiten – laut Aussagen von Menschen vor Ort einmalig in Deutschland.

 

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Im Inneren der Tribüne befindet sich auch das Casino, wohin sich die inzwischen auf vier Personen angewachsene Reisegruppe begibt, um sich mit dem ersten Bier des Abends und lecker Mettbrötchen als weitere Grundlage zu versorgen. Dieses Ritual wird wenig später mit einer Auswahl vom Grill an der Bratwurstbude wiederholt. Generell kann der kulinarischen Versorgung ein dickes Lob ausgesprochen werden.

 

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Um einige Berliner Bekannte zu Treffen wird der Standort auf die Gegengerade verlagert, wo sich auch der Supporterblock befindet. Die Fanszene hat bekannterweise viele Schnittmengen mit Altona 93 und ist auch was die Einzelpersonen betrifft genauso sympathisch. Zunächst wird aber ein Exil-Kieler gesichtet, der an diesem Abend ebenfalls zum ersten Mal bei TeBe vorbeischaut. Zufälle gibt es. Kurz danach sind dann auch Jörg aka. Captain Klobasa und Endi gefunden (bzw. wir werden gefunden) und es ist Zeit sich endlich dem Fußball zu widmen, wobei Endi zugibt, dass er noch gar nicht so recht in Fußballstimmung sei, weil er fest von einer Absage ausgegangen war.

 

Der Rasen sieht allerdings überraschend gut aus, das Spiel ist in der Anfangsviertelstunde dann aber nur bedingt erwärmend. Zum Unmut der 312 Zahlenden (Anhänger der Gäste können nicht wirklich ausgemacht werden) geht dann auch noch Germania Schöneiche in Führung. Wenig später dann aber Grund zum Jubeln: David Rowley gleicht aus (22.) und wiederum nur sieben Minuten später besorgt Sebastian Huke per wunderschönem Freistoß (perfekte Symbiose aus Kraft und Präzision) sogar die Führung (29.). So lernen die anwesenden Fußballtouristen auch gleich noch das Tor-Ritual kennen, das einem Ex-Präsidenten gewidmet ist. „Sie sind der Meinung, das war...“ - Antwort natürlich „Spitze!“ und von der Anzeigetafel, die zwar am Anfang etwas sehr zickt, grüßt dazu Hans Rosenthal. Der Moderator, Entertainer und Regisseur war selbst großer Fußballfan und eben von 1965 bis 1973 TeBes Präsident. Ob dem späteren Präsidenten Jack White, der unter seinem bürgerlichen Namen Horst Nußbaum Profifußballer war und als Amateur für die Berliner kickte, auch ein Ritual gewidmet ist, finden wir nicht heraus.

 

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Mit dem Pausenpfiff gibt der Winter dann nochmal ein kleines Comeback. Die Flocken färben sogar kurz die Tartanbahn weiß ein. Ein schöner Anlass den hoffentlich letzten Glühwein der Saison zu konsumieren. So wird die zweite Hälfte quasi der flüssige Übergang (welch mieses Wortspiel) zum Post-Match-Programm in Form von Getränken und Gesprächen. Zwischendrin erzielt Gelici sogar noch das 3:1 und es darf zum Rückrunden-Auftakt ein Sieg gefeiert werden. Für den langen Ausklang des Abends geht es dann weiter in den gemütlichen, kleinen Fanladen, wo zwischen lila-weißen Devotionalien und Tischkicker bei einigen Bieren weitere Bekanntschaften gemacht werden.

 

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Ein passender Auftakt ins Hopping- und Holstein-Wochenende. Irgendwann wird dann aber doch trotz aller Herzlichkeit die Reißleine gezogen – schließlich soll es am nächsten Morgen ja weiter Richtung Prag gehen.