28. April 2017, Stadion Grüne Au, Endstand 2:4

 

Auswärtsspiel in Regensburg – nicht nur, um etwas stressfreier unterwegs zu sein, begibt sich eine kleine Kieler Reisegruppe bereits am Freitagvormittag auf den Weg in Richtung Süddeutschland. Die Route über Hannover – Magdeburg – Halle/Leipzig führt weitestgehend über flaches Terrain, wodurch man sich trotz gefahrener Kilometer, nicht wirklich weit weg von der Kieler Heimat fühlt. Kurz vor dem Ziel dann die Abfahrt nach Plauen – nostalgische Gefühle an die alte Regionalliga (wohlgemerkt „Nord“!) kommen hoch. Nur 30 Kilometer weiter merkt man aber doch, dass der eigene Kulturkreis verlassen wurde. Im Radio sind nicht Trump, Erdogan oder sonstwer das bestimmende Thema, sondern das Aufstellen von Maibäumen, bzw. das Stehlen derselben. Man ist in Bayern angekommen. Wobei, was heißt hier Bayern? Böser Fehler – natürlich Franken!

 

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Wobei es uns „Preissn“ auch nicht leicht gemacht wird, schließlich trägt der Verein, der das Ziel des Abends ist, den Namen des Freistaats. Wobei dies zu Gründungszeiten noch anders aussah: Die heutige Spielvereinigung Bayern Hof entstand 2005 durch den Zusammenschluss der SpVgg Hof und des FC Bayern Hof. Der FC wurde 1910 als „Ballspielclub Hof“ gegründet, benannte sich ein Jahr später aber in Britannia Hof um. 1914 und diverse Anschlüsse anderer Vereine später war es mit der „Liebe“ zu Großbritannien auch schon wieder vorbei und aus Britannia wurde Bayern. Die ersten Jahre vor Kriegsausbruch sorgte man im Süden Deutschlands mit einigen Erfolgen, unter Anderem Siege über den FC Nürnberg, für Aufmerksamkeit. In der Zeit, als die Gauligen höchste Spielklasse waren, kämpfte man lange um Zugehörigkeit. Doch als der sportliche Erfolg endlich geschafft war, wurde der Spielbetrieb 1944 eingestellt.

In der Nachkriegszeit etablierte man sich in der Oberliga. Erst mit der Einführung der neuen eingleisigen Bundesliga 1963 ging es für die Bayern wieder runter. Die folgenden zehn Jahre waren von der Regionalliga geprägt. Der größte Erfolg war natürlich der Aufstieg in die neu geschaffene zweite Bundesliga, aus der man 1978 jedoch wieder abstieg. Bis zur Fusion mit der Spielvereinigung folgten Jahre als Fahrstuhlmannschaft in denen man zwischen Landes- und Bayernliga hin und her pendelte.

Auch der zweite Fusionspartner, die „Spotzer“ konnten einiges an Tradition mit in die Fusion einbringen: Die Ursprünge der SpVgg liegen in der 1893 gegründeten Fußballabteilung des Turnvereins Hof – auf diesem Gebiet absolute Pioniere in Oberfranken. 1924 löste sich die Sparte als eigener Verein von den Turnern ab, und konnte 1929 wie bereits acht Jahre zuvor in die höchste Spielklasse vordringen. 1966 folgte der letzte Höhenflug, als sich die SpVgg Hof für die Bayernliga qualifizierte. 2005 folgte die „Vernunftsehe“.

In der Saison 2016/17 gehört die SpVgg Bayern Hof der Regionalliga Bayern an, steht zum Zeitpunkt des Besuchs allerdings schon als Absteiger fest. Trotzdem, so wird uns vorher versichert, soll das Spiel gegen den designierten Meister Unterhaching nicht abgeschenkt werden. Die Rand-Münchener dürfen für einen Freitagabend mit knapp über 300 km eine respektable Distanz zurücklegen. So steht auch nur ein eher überschaubarer Haufen an Gästesupportern auf der einen Hintertortribüne.

 

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Das Stadion an sich hätte aber schon ein paar mehr Gäste verdient. Denn die traditionsreiche Spielstätte „Grüne Au“, die heute 8.100 Zuschauern Platz bietet, ist seit 1913 der Platz des FC Bayern Hof (bzw. dessen Vorgängern) und nach und nach gewachsen. Sprich jede Seite sieht anders aus, was dem Bau einen unverwechselbaren Charakter gibt. Auf den Hintertorseiten gibt es jeweils einige Stufen zum Stehen, wobei diese auf der einen Seite zum Großteil zurückgebaut wurden.

 

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Die beiden Längsseiten verfügen jeweils über Tribünen mit Überdachung, wobei die Bauwerke komplett unterschiedlich sind. Die „alte“ auf der Nordseite des Stadions ist eine klassische Holztribüne mit langen Bänken und wurde 1949 errichtet. Mit einem Augenzwinkern wird das 72 Meter lange Bauwerk auch die längste Trainerbank der Welt genannt – das Publikum dort dürfte gewisse Ähnlichkeiten mit dem der „Meckerecke“ auf der Adolf-Jäger-Kampfbahn haben. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde 1969, zunächst noch ohne Dach, die „Neue Tribüne“ errichtet, die von der Länge her eher etwas kurz anmutet, dafür aber über eine gewisse Höhe verfügt. Dieser Eindruck wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass das Bauwerk oberhalb der Stufen errichtet wurde, auf denen sich die aktiven Supporter der Hofer einfinden. Diese pflegen übrigens eine Freundschaft zu den Fans des VFC Plauen – gleiche Vereinsfarben, sowie der Umstand, dass beide Vereine trotz geografischer Nähe noch nie gegeneinander gespielt haben (und in naher Zukunft auch wohl leider nicht werden), dürften nachvollziehbare Gründe sein. In der Tribüne befindet sich die Stadiongaststätte, die „Kerng“. Das fränkische Wort für Kirche erhielt sie von ihren hohen, schrägen Decken, welche an die eines Gotteshauses erinnern. Und Fußball ist ja auch immer ein bisschen Religion.

 

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Zu Hochzeiten des Verein pilgerten bis zu 19.100 Schlachtenbummler auf die „Grüne Au“. Aufgestellt wurde der Zuschauerrekord beim Bundesliga-Aufstiegrundenspiel gegen Rot-Weiss Essen am 22. Mai 1968. Am diesem Freitagabend 49 Jahre später sind es 520 Zahlende, die ihr Kommen aber absolut nicht bereuen müssen. Denn trotz der bereits erwähnten Vorzeichen geht das Heimteam mit einer hervorragenden Einstellung in die Partie – und nach nur sieben Minuten durch Florian Rupprecht in Führung. Sein Distanzschuss, der unhaltbar in den rechten Winkel einschlägt sorgt für beste Stimmung bei einem Großteil der Anwesenden. Diese hält zunächst aber nur zwei Minuten, da es Hachings Kapitän Taffertshofer in etwa aus der gleichen Distanz probiert und dabei zwar nicht auf ganz so spektakuläre Weise, aber trotzdem erfolgreich ist. Nur drei Minuten später dann sogar das 1:2 aus der Sicht der Gastgeber – mit einem Tor von Lux hat Haching die Partie gedreht. Fünf Minuten vor der Pause kann Hofs Alassane Kane dann einen Kopfball in den Maschen unterbringen. Nicht nur die neutralen Zuschauer aus Norddeutschland fühlen sich hervorragend unterhalten. Nach dem Seitenwechsel dann allerdings das schnelle 2:3 und nach einer Stunde das 4:2, das die Verhältnisse vermeintlich gerade rückt. Die Hausherren dürfen den Platz trotz der Niederlage aber mit erhobenem Haupt verlassen. Die vorbildliche Einstellung wird nachfolgend auch einheitlich auf der Pressekonferenz gelobt.

 

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Diese verfolgen die anwesenden Kieler wieder in der Kerng. Mit einem einheimischen Bier wird der Abend dann bei einem netten Gespräch abgerundet, ehe es noch einmal auf die Autobahn geht, um das Nachtlager in Regensburg zu erreichen.

 

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