Direkt nach dem emotionalem WM Finale 2014 fragte mich mein Vater: „In zwei Jahren findet die Europameisterschaft in Frankreich statt, wollen wir hinfahren?“ Da konnte ich natürlich nur mit einem deutlichen JA antworten und so war dies der Startschuss für die Vater Sohn Tour zur Europameisterschaft in Frankreich. In der ersten Verkaufsphase der UEFA bewarben wir uns bereits für Tickets und bekamen zwei Gruppenspiele zugesprochen. Die Begegnungen Portugal – Island und Ukraine Nordirland. Tickets für jeweils 55 Euro. Als schließlich feststand, welche Mannschaften sich qualifiziert haben und die Gruppen ausgelost wurden, bewarben wir uns um Tickets des deutschen Kartenkontingents für die ersten beiden Gruppenspiele der deutschen Mannschaft gegen Polen und die Ukraine. Mit Erfolg: Für beide Spiele bekamen wir Tickets für jeweils 105 Euro.

 

Hauptbedingung dafür war jedoch erstmal die Mitgliedschaft im Fan Club Nationalmannschaft beim DFB. So kamen zum Preis der Eintrittskarte 40 Euro dazu – 10 Euro Aufnahmegebühr für den Fan Club und 30 Euro Jahresgebühr. Mit der Zusage der Tickets konnten wir uns nun auch darauf einstellen, wie unsere Route verlaufen wird: Von Kiel nach Lille (Deutschland – Ukraine), von Lille nach Saint-Etienne (Portugal – Island), von Saint-Etienne nach Paris (Deutschland – Polen) und schließlich wieder von Paris nach Kiel. Das Spiel Ukraine – Nordirland konnten wir leider nicht sehen, da es an dem gleichen Tag war, wie das deutsche Spiel gegen Polen. Zu diesem Zeitpunkt entschieden wir uns dann auch dafür, dass wir uns für die Tour ein Wohnmobil leihen werden. Die Planungen liefen...

 

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Am 11. Juni, dem zweiten Spieltag der Europameisterschaft ging es dann endlich los Richtung Frankreich. Abfahrt in Kiel war um 10 Uhr – Ankunft in Lille um 20 Uhr. In Lille angekommen parkten wir das Wohnmobil auf einem öffentlichem Parkplatz. An einer Straße, wo Busse fuhren und Fußgänger liefen. In einer Gegend, die vertrauenswürdig schien. Von dort aus liefen wir zum nahegelegenen Fanfest in der Innenstadt. Nach etwas halbherzigen Kontrollen befanden wir uns in der Fanzone. Auf der Leinwand schauten wir uns dann mit einem 7 Euro Bier das Spiel England – Russland an. Bei dem Bier gab es noch einen Euro Pfand, den man jedoch nicht immer zurückbekam.

 

Nach dem Spiel erwartete uns dann ein Albtraum: Die Fensterscheibe der Fahrerseite unseres Wohnmobils wurde eingeschlagen und sämtliche Wertgegenstände oder Klamotten, die mehr oder weniger wertvoll waren und im Wohnmobil lagen, wurden geklaut.

 

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Mein Vater ging in ein Hotel um von dort die Polizei zu rufen. In der Zwischenzeit fuhr ein Polizeiwagen an mir vorbei: Den drei Polizisten im Wagen schilderte ich die Situation, doch diese wollten erst gar nicht helfen, sie seien dafür nicht zuständig gewesen und sind einfach weitergefahren. Als mein Vater wiederkam hatte, er auch keine gute Nachricht: Die Polizei wird nicht kommen, sie würde nur kommen, wenn es Verletzte geben würde. Wir mussten zur Polizei fahren um eine Anzeige aufzugeben. Eine Einladung für jeden Einbrecher in Frankreich, der weiß, dass die Polizei scheinbar nie zum Tatort kommt.

 

Ohne Navigationsgerät, welches uns ebenfalls geklaut wurde, erreichten wir etwa um 1 Uhr nachts die Polizeistation. Die zwei Polizisten hinter dem Tresen schienen von Beginn an sehr überfordert. Wir konnten auch nur mit einem von beiden sprechen, da der andere gar keine Englischkenntnisse besaß. Im weiteren Verlauf bekamen wir dann immer wieder Formulare, die wir ausfüllen sollten, bis ihnen auffiel, dass es doch wieder das falsche Formular ist. Um 3:30 Uhr konnten wir dann endlich die Polizeistation verlassen und uns auf dem Weg zu einem Campingplatz machen. Welcome in France sagte der Polizist.

 

An dem Sonntag konnte es nur besser werden: Die Scheibe wurde notdürftig abgeklebt und am Abend wartete das erste deutsche Spiel auf uns. Zusammen mit anderen deutschen Fans fuhren wir mit dem Taxi in die Innenstadt und stimmten uns dort mit weiteren hundert Fans auf das Spiel ein. Mit der Metro ging es später weiter zum Stadion. Am Stade Pierre Mauroy erwarteten uns die selben Kontrollen wie tags zuvor am Fanfest. Unsere Plätze waren in der Kurve Höhe der Eckfahne relativ weit oben. Die Stimmung war gut und wir waren einfach froh, dass es nun wieder um Fußball ging. Höhepunkt des Spiels war dann wohl die Einwechslung Schweinsteigers und sein anschließendes Tor.

 

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Nach dem Spiel verließen 50.000 Fußballfans das Stadion und der Bereich um das Stadion herum war scheinbar nicht dafür ausgelegt, es ging nur sehr langsam voran. Schilder die uns den Weg zu einem Taxistand zeigen sollten waren scheinbar falsch angebracht, da es irgendwann nicht mehr weiterging und wir auf die andere Seite des Stadions geschickt wurden. Dort gab es ein reines Verkehrschaos. Doch einen Taxistand gab es auch hier nicht und so mussten wir bis 0:30 Uhr auf ein Taxi warten (das Spiel war um 22:45 Uhr zu Ende).

 

Am Montag sollte in der 2 km entfernten Werkstatt eine neue Scheibe eingesetzt werden. Doch vor Ort wusste noch niemand Bescheid und so hieß es, dass die neue Scheibe erst in 24 Stunden geliefert werden sollte. Doch nach langem hin und her und mit Hilfe vom ADAC wurde schließlich eine neue Scheibe besorgt und wir konnten um 15:30 Uhr unsere Reise fortsetzen. Auf dem Weg nach Saint-Etienne fuhren wir für die Nacht einen Campingplatz in Marcenay an. Dieser lag eine Stunde abseits der Autobahn und auf dem Weg dorthin fuhren wir durch Dörfer, die komplett ausgestorben schienen. Am Dienstag ging es wieder zurück auf die Autobahn, weiter Richtung Saint-Etienne. Autobahnen, die teilweise privatisiert sind und wir bis dahin schon Mautgebühren zahlen mussten die schon eine Frechheit sind.

 

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Um 17 Uhr kamen wir auf dem Campingplatz in Saint-Etienne an und wenig später fuhr glücklicherweise direkt ein Shuttle zum Stadion. Drei weitere Deutsche, die mit uns im Shuttle saßen erzählten von Leuten, die in Marseille mit ihrem Wohnmobil auf einem Rastplatz übernachteten und dort ebenfalls überfallen wurden. Mitten in der Nacht wurde Lachgas in das Wohnmobil gesprüht und wurden komplett ausgeraubt – mehrere tausend Euro sowie mehrere Kreidtkarten. Was am morgen blieb, war ein kratzen im Hals. Auf der Fanmeile in Saint-Etienne waren die Kontrollen noch schlechter als zuvor. Zu essen gab es „Pain Americain“ für 6 Euro – ein Brötchen in dem ein Steak sowie Pommes waren. Absolut in Ordnung und für den restlichen Abend war der Hunger auf jeden Fall gestillt. Bereits auf dem Fanfest konnte man feststellen was für einen Spaß die Isländer haben. Die Stimmung übertrug sich später auch ins Stadion. Im Stadion hatten wir nun Plätze hinter dem Tor nahe den Isländischen Fans, allerdings fast ganz oben.

 

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Das änderte sich dann jedoch in der zweiten Halbzeit, als wir sahen, dass auf der Haupttribüne Höhe des Strafraums ein paar Plätze frei waren und wir uns diese mitten im Island Block sicherten – in der ersten Reihe. Ein Spiel, dass Laune machte. Doch nach dem Spiel das gleiche Problem wie in Lille: Ein Taxistand? Fehlanzeige ! So dauerte es auch dort wieder bis um 0:20 Uhr, bis wir ein Taxi hatten.

 

 

Am Mittwoch ging es dann wieder gen Norden Richtung Paris mit erstem Zwischenstopp in Lyon. Hier konnten wir noch unsere Tickets für das am Donnerstag stattfindene Spiel Ukraine – Nordirland verkaufen. Die Karten zu verkaufen hatten wir bereits beim Spiel Deutschland – Ukraine versucht, doch obwohl wir schätzungsweise 200 Ukrainer über den Tag verteilt fragten, hatte keiner Interesse. Die große Fußballeuphorie war bis dahin in Frankreich noch nicht spürbar.

Von Lyon ging es weiter zum Campingplatz nach Auxerre. Der Campingplatz liegt direkt gegenüber vom Stadion des französischen Zweitligisten AJ Auxerre. Am Abend spielte Frankreich – Albanien. Wir machten uns also auf dem Weg in eine Bar, um dort Fußball zu schauen. Auf dem Weg in die kleine Innenstadt war es schon kurz nach 21 Uhr, also lief das Spiel schon. Doch auf dem Sportplatz nebenan war noch reger Betrieb von verschiedenen Fußballspielern und anderen Sportlern. Als wir dann auch etwas rumfragten, wo man denn Fußball schauen könne, hatte keiner so richtig eine Antwort. Schließlich fanden wir dann doch noch eine Bar – 3 Großbildfernseher und sage und schreibe mit uns 5 (!!!) Gäste, die dieses Spiel schauten. Es schien immer mehr so, als würde die EM nur geografisch in diesem Land stattfinden.

 

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Am Donnerstag ging es dann weiter zur letzten Station nach Paris. Ankunft im Pariser Verkehrschaos war um 11:45 Uhr. Ankunft auf dem Campingplatz erst kurz vor 15 Uhr. Leider verlorene Zeit, in der wir uns gerne noch etwas mehr Paris angeschaut hätten. Vom Campingplatz ging es diesmal mit einem Zug ins Pariser Zentrum, der eine ganze Stunde fuhr. Vom Notre Dame liefen wir zum Eiffelturm, um wenigsten noch etwas von Paris zu sehen. Am Stade de France im Pariser Stadtteil Saint-Denis, gab es das erste Mal Kontrollen, die in Ordnung waren. Highlights während des Spiels gab es kaum welche und Tiefpunkt war wohl der Hot-Dog für 6 Euro.

 

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Nach dem Spiel verließen dann 80.000 Zuschauer das Stadion, viele mit dem Ziel die Metro benutzen zu wollen. Und was ist ? Der Bahnhof füllt sich immer mehr doch kein Zug steht bereit. Es soll ein technisches Problem geben. Nach 20 Minuten Warten fährt dann die erste Metro in den Bahnhof ein. Am Freitag wachte man dann das letzte Mal in Franrkeich auf. Abfahrt nach Kiel. Angekommen sind wir um 23 Uhr.

 

Fazit: Nachdem man am ersten Abend gleich ausgeraubt wurde, hat uns die ganze Woche ein unsicheres Gefühl begleitet. Immer die Angst, dass man das Wohnmobil nirgends stehen lassen kann. Was uns am Ende auch viel Zeit gekostet hat wenn wir unterwegs waren, weil immer einer am Wohnmobil gewartet hat.

Es ist schade, dass die Franzosen selber scheinbar kein sehr großes Interesse an dieser Europameisterschaft haben. Fängt bei Kleinigkeiten an, dass man kaum irgendwelche Frankreich Fahnen an Häusern oder Autos sieht. Da haben wir mehr Belgien Fahnen entlang der belgischen Autobahn gesehen.

Trotz dem Raub, dem unschönen Wetter, den überforderten Franzosen und der schlechten Organisation an einigen Punkten war es trotzdem eine super Tour ! Wir haben viel gesehen, nette Leute kennengelernt und haben in den 7 Tagen drei Spiele gesehen. Insgesamt saßen wir 46 Stunden im Wohnmobil und sind 3.167 km gefahren.

 

Papa und ich sind beide der Überzeugung, dass wir wieder zu einem Turnier fahren würden ! Schade, dass die nächsten beiden Weltmeisterschaften in Russland und Katar stattfinden. Mal abwarten wie sich die nächste Europameisterschaft verteilt. Möge Deutschland die Europameisterschaft gewinnen und nur Holstein Kiel !