Stadion Ďolíček, 25. Februar 2017, Endstand 0:0

 

Nach einem netten Abend im TeBe-Fancontainer inkl. einiger importierter Getränke ging es nach einer kürzeren Nacht in der Unterkunft am Flughafen Schönefeld schnell auf die Autobahn in Richtung Süden, die hinter der Grenze inzwischen erfreulicherweise durchgängig vorhanden ist. Das Gegurke durch das Nordböhmische Mittelgebirge entfällt somit. Und ehe die Reisegruppe sich versah, grüßte die Stadt an der Moldau mit herrlichem Sonnenschein und fast schon frühlingshaften Temperaturen.

 

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Wenn die Ansetzung für Holstein an einem Sonntag in Zwickau spielen zu müssen wenigstens ein Gutes hatte, dann die Möglichkeit, einmal wieder die goldene Stadt zu besuchen. Das sah auch der tschechische Fußballverband so und setzte kurzerhand die beiden Heimspiele von Dukla und Bohemians zeitversetzt am Sonnabend an. Gelobt sei die vollumfängliche TV-Übertragung der CZ-Liga, bloß, wer guckt sich so was eigentlich an? Live vor Ort bei Dukla jedenfalls nicht viele, das konnte die eine Hälfte der Reisegruppe (der andere Teil, der das Stadion Juliska bereits auf einer früheren Reise gekreuzt hatte, checkte schon mal in der Unterkunft in Žižkov ein und tätigte erste Käufe von Klobasa, Bier und Kofola) beim Spiel gegen Karvina hautnah bestätigen, für ein wenig Geräuschkulisse sorgten einzig ein paar Kutten und etwa 50 Gästefans. Letzteren gehört allerdings Respekt gezollt, wer sich ganz von der tschechisch-polnischen Grenze nach Prag aufmacht, um sich so ein 0:0 der schlechteren Art anzuschauen, der muss wirklich was für seinen Club übrig haben. Die Kombination aus exponierter geografischer Lage, langen Fahrten und dürftigem Fußball kennt man in Kiel schließlich auch.

 

Nach dem Schlusspfiff ging es fix zur nahegelegenen Tramstation, kein Fahrscheinautomat vorhanden, alle Kioske geschlossen, also ab etwa 300 Meter bergauf, und pünktlich mit dem Druck des letzten Fahrscheins enterte man die Tram. Sonst wäre es mit dem Erreichen der Stadions Ďolíček auch eng geworden. Dank der Fahrtstrecke konnte man auch einen kurzen Blick auf die volle Innenstadt mit der Karlsbrücke begutachten, diese Mal blieb leider keine Zeit für die Altstadt, aber einige Grounds sind noch offen und das nächste Mal in der tschechischen Hauptstadt kommt bestimmt. Nach einer halben Stunde tauchte endlich das Ďolíček auf, wo bereits der andere Teil der Reisegruppe mit Tickets in der Hand wartete.

 

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Für etwas über 5 Euro gab es den unüberdachten Sitzer für die Hintertortribüne. Neben der großen Haupttribüne können Zuschauer auch noch auf wenigen Sitzreihen auf der Gegengeraden oder eben hinter dem Tor bei der aktiven Fanszene platz nehmen. Diese präsentiert sich offen links und pflegt naturgemäß einige Kontakte zum FC St. Pauli. Sicher, Tschechien ist politisch und fankulturell gesehen nicht Polen, aber eine offen linke Fanszene ist auch im gerade durch die Flüchtlingsbewegung nach rechts gerückten Tschechien schon eine kleine Besonderheit. Insgesamt haben die Bohemians auf jeden Fall über die Grenzen Tschechiens hinweg einen besonderen Ruf, der einiges an Volk anzieht.

 

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Das Stadion, welches 1932 als Dannerův stadion Bohemians eröffnet wurde, fasste ursprünglich einmal 18.000 Zuschauer, durch Abrisse und Umbaumaßnahmen dieser Tage aber nur noch 5.000 Fans. So war es heute wie eigentlich immer mit über 4.000 Zuschauern gut gefüllt. Auf alle Fälle besser als sich mit so einer Zuschauermenge in einer riesigen Schüssel zu verlieren.

 

 

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Auch der Verein selber hat eine bewegte Geschichte vorzuweisen. Als AFK Vršovice 1905 gegründet, benannte sichder Club nach einer Australien-Reise, mit vielen Freundschaftsspiele 1927 in Bohemians („die Böhmen“) um. Eigentlich war die tschechoslowakische Nationalmannschaft nach Down Under eingeladen worden, diese scheute aber die lange Reise, genau wie die Lokalrivalen Slavia und Viktoria Žižkov. Neben dem neuen Namen brachten die Bohemians auch noch ein Känguru-Paar mit von der Reise.

 

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Ein Geschenk der Regierung des Bundesstaates Queensland an den Präsidenten der Tschechoslowakei, das auch der Grund dafür ist, dass die Grün-Weißen ein für europäische Gefilde eher ungewöhnliches Wappentier besitzen. Größter Erfolg der Kängurus: 1983 wurde der Club Meister in der damaligen Tschechoslowakei.

 

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2005 war der Traditionsverein zahlungsunfähig und die auch in Deutschland bekannte Odyssee um die „richtigen“ und „falschen“ Bohemians begann. Der Gesamtverein verlieh Name und Wappen damals an einen anderen Prager Stadtteilverein, die Fanszene gründete den Verein aber in unteren Klassen neu. 2009 stellte der Fanverein wieder eine Herrenmannschaft, in der Folge verweigerte der Verband den nur beliehnen Bohemians das Spielrecht, diese klagten sich zivilgerichtlich wieder in die Liga. Der Fanverein aber kletterte als Bohemians 1905 Praha die Ligenpyramide immer weiter hinauf. Der FC Bohemians Praha plagten bald finanzielle Probleme, nach und nach ging der Verein in den Fanverein auf, 2015 spielte der „falsche Verein“ sein letztes Drittligaspiel.

 

Das Spiel gegen den 1. FC Slovacko war ein Mittelfeldduell und im Gegensatz zum letzten Spiel der Gäste mit Anwesenheit des Schreibers vor 18 Monaten in Teplice war in Prag keine aktive Fanszene am Start, nur 50 Nomalos verirrten sich in den kleinen Gästeblock. Das Spiel selbst bewegte sich auf mäßigem Niveau, das Heimteam etwas besser, aber der Ball wollte wie schon bei Dukla nicht ins Netz. Einziger Aufreger war Mitte des ersten Durchgangs der Zusammenprall zwischen dem Keeper der Bohemians und einem Mitspieler. Der Torwart fiel so unglücklich, dass er für kurze Zeit seine Zunge verschluckte und zu ersticken drohte. Slovacko-Spieler Francis Koné reagierte schnell und bewahrte seinen Gegenspieler vor dem Tod. Sogar einige deutsche Medien berichteten darüber, im Stadion konnte man im Anschluss an die Szene in erleichterte Gesichter sehen, da war das Gekicke doch echt nebensächlich.
Für gute Laune sorgte dagegen nicht nur die Klobasa, sondern auch der leckere unter der Haupttribüne angebotene Prager Schinken (verdammt, war der lecker). Neben diesem gab es wirklich allerlei kulinarische Köstlichkeiten zu erwerben, was den wirklich positiven Gesamteindruck abrundete.

 

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Die aktive Szene ließ sich vom Spiel nicht entmutigen und wurde ab und zu mal laut, nicht durchgängig, aber immerhin vorhanden, eben jeder, wie er möchte. Wirkte ein wenig die Altona 93 auf der Adolf-Jäger-Kampfbahn. Zum Schlusspfiff waren wie bei Dukla aber keine Tore auf der Anzeigetafel zu sehen.

 

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Nach einer kurzen Stippvisite in der Unterkunft ging es zu Fuß in Richtung einer empfohlenen Lokalität und man wurde nicht enttäuscht, die Portionen auf tschechischem Preisniveau, aber lecker und sättigend.

 

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Dazu Bier und Kofola vom Fass - so soll es sein beim südöstlichen Nachbarn.