Budapest Honvéd FC vs. Hapoel Be’er Scheva AFC
Bozsik-József-Stadion, 19. Juli 2017, Endstand 2:3

 

Der Balkan ist ein vielschichtiger Teil Europas. Von vereinzelten Meinungen, dass in Gebieten wie dem Kosovo noch Krieg herrscht bis zu Urlaubserinnerungen an der Adriaküste sind den Assoziationen der Bevölkerung keine Grenzen gesetzt. Aber das runde Leder kennt man auch in Kroatien oder Slowenien. Da wird sich der süddeutsche Fußballfreund aufgrund der paar Stunden Fahrtzeit wahrscheinlich noch einmal umdrehen, der Schleswig-Holsteiner aber, der muss schon einiges mehr investieren, um da runter zu kommen.

 

Mit den Touren ist es ja irgendwie wie mit der Entstehungsgeschichte von Songs von Bands. Irgendwann entwickelt sich das eben - und nach Bangen und Hoffen auf passende Ansetzungen steht die Route dann fest. Durch eine Art „Zwangsurlaub“ fiel die kleine Reise auf Ende Juli. Da konnte man schon einiges finden. Die Südosteuropäer haben den Ligaspielbetrieb wieder aufgenommen und auch die UEFA hat bereits Kugeln mit Vereinen gezogen, die kein Mensch kennt, deswegen aber umso interessanter sind als das kommende Halbfinale der Champions-League mit den ewig gleichen Gelddruckmaschinen.

 

Als erste Station wurde die ungarische Hauptstadt Budapest (Zugegeben: noch kein Balkan) auserkoren. Honvéd hatte sich durch seinen ersten Meistertitel seit 1993 das Startrecht für die Champions-League gesichert und traf im Rückspiel nach einer 1:2 Niederlage in Israel auf den viermaligen israelischen Meister Hapoel Be’er Sheva. Durch die kurzfristige Ansetzung der Europapokalrunden war in Bezug auf günstige Flugpreise guter Rat (und Flugticket) schon recht teuer, erst nach einigem Suchen traf man auf ein vernünftiges Angebot eines bekannten irischen Billigfliegers ab Berlin, aber natürlich nicht vom recht zentralen Airport Tegel, sondern von Schönefeld, den vielleicht von der Optik her noch einzigen existierenden DDR-Flughafen. Wie glücklich man in Berlin aber dennoch über den Flughafen ist, darf gerne angesichts der unglücklichen Entwicklungen beim Bau des BER gerne beim Berliner Senat recherchiert werden. Ryanair bedeutet aber gleichzeitig auch sehr frühe Flugzeiten, sodass es klar war, dass man die Nacht vorher ebenso in der Hauptstadt verbringen musste. Da gibt es sicherlich schlimmeres. Gerade, weil am Abend noch ein kleiner Kick im Karl-Liebknecht-Stadion zu Babelsberg angesetzt war. Das letzte Mal besuchte man die Spielstätte vor einigen Jahren bei einem Auswärtssieg, als die KSV dem SVB nicht den Gefallen tat, sich die Aufstiegsträume zerplatzen zu lassen. Seitdem hatte sich einiges getan und man hatte das „Karli“ immer mal wieder auf dem Zettel, nun klappte es eben zu diesem Anlass. Den Test gegen Union verlor der SVB am Ende standesgemäß mit 0:3, die Stimmung war bei bestem Wetter trotzdem gut, sodass ein prima Auftakt abgehakt werden konnte.

 

Am nächsten Tag fand man sich am frühen Morgen ziemlich kaputt an einer Ringbahn-Station wieder, um den einstündigen Trip nach Schönefeld auf sich zu nehmen. In der typischen irischen Baracke ging es schnell durch den Sicherheitsscheck und eine Stunde später landete der Flieger bereits auf dem Flughafen Budapest Liszt Ferenc. Die Wärme kam einem bereist auf dem Rollfeld entgegen, der Wetterbericht hielt also, was er versprach: ein paar Tage jenseits der 30°C - ohne Regen. Nachdem der Wechselschalter einem ein paar zu wenige Forint für zu viele Euros überlies, ging es erst einmal um die Möglichkeit ins Stadtzentrum zu kommen. Man entschied sich für eine Bus-Zug-Kompination für umgerechnet 1,60 €. Also erst einmal rein in das Klapperfahrzeug und über eine Schlaglochpiste ging es direkt zur Metrostation Kőbánya-Kispest. Ein direkter Bus hätte es auch getan, so war man aber gleich mit der Metro ein wenig vertraut. Als Ausstieg wurde einfach eine Station im Stadtzentrum gewählt und von dort stapfte man als allererstes einmal zur Donau. Toller Anblick! Budapest ist mit 1,7 Millionen Einwohnern übrigens etwa so groß wie Hamburg und ist die zwölftgrößte Stadt der EU. Seine Pracht verdankt die Stadt überwiegend der besonderen Stellung in der Donaumonarchie zwischen 1867 und 1918 - als Gegenstück zu Wien. Bevor man das alles genauer unter die Lupe nahm, ging es zur Unterkunft. Diese befand sich im Budapester „Palastviertel“. Leider war der Namensgeber nicht etwa das Hostel, sondern zahlreiche andere repräsentative Gebäude wie das Nationalmuseum. Die Unterkunft hatte seine besten Tage schon hinter sich, aber muss ja! Also schnell wieder raus zur Donau, über eine der zahlreichen Brücken zum anderen Flussufer. Die Stadt machte doch einen sehr netten Eindruck, zahlreiche kleinere Geschäfte in Einkaufsstraßen und dazugehörige schöne Baulichkeiten erzeugen schon eine schöne Atmosphäre.

 

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Dazu war es verdammt heiß! Da machte den Aufstieg auf die Citadella auf dem anderen Donauufer nicht unbedingt leichter, das sah man an anderen Leidensgenossen. Belohnt wurde das ganze aber mit einem fantastischen Ausblick auf den Ostteil der Stadt. Da mussten dann auch ein paar mehr Forint für ein belohnendes Getränk herhalten.

 

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Zurück auf der anderen Donauseite schlenderte man weiter ziellos durch die Stadt. Es macht einfach mehr Sinn, sich eine Stadt in kurzer Zeit eben so zu erschließen, anstatt strikt nach Plan möglichst viel abhaken zu wollen. Das bekannteste Gebäude Budapests dürfte das Parlamentsgebäude sein, das sicherlich jedem schon einmal auf einem Foto unter die Augen gekommen sein dürfte. 1904 wurde es fertig gestellt, als Vorbild diente damals der Palace of Westminster in London. Wirklich ein beeindruckendes Bauwerk.

 

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Kurz spielte man mit dem Gedanken, sich der startenden Führung anzuschließen (Vorteil: angenehm kühl), entscheid sich dann aber wieder für die Stadt und den königlichen Palast, diesmal ohne anstrengendem Aufstieg, sondern mithilfe einer Standseilbahn, wie man sie auf dieser Tour noch oft finden wird. Die Geschichte des Schlosses reicht viele hundert Jahre zurück und ist das größte Gebäude Ungarns und wirklich einen Besuch wert, selbst, wenn man es nur von außen betrachtet.

 

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Beim Überqueren der Donau fielen einem wieder die zahlreichen ungarischen und israelischen Fahnen auf. Sicherlich fühlten sich auch die Gäste von Hapoel angesprochen, in erster Linie war dies aber auf den Besuch von Israels Ministerpräsident Netanyahu zurückzuführen, der es sich nicht nehmen ließ - trotz in diesen Tagen offenen antisemitischen Aussprüchen in Ungarn sowie der Verharmlosung eines Verantwortlichen für die ungarische Massendeportation von Juden - Viktor Orbán die Hand zu schütteln. Das erklärte auch die Polizeipräsenz in der Stadt.

 

So langsam rief der Aufbruch zum Bozsik-Stadion. Dieses liegt im Südosten der Stadt und ist mit Metro und Tram gut zu erreichen. Spontanes Anreisen hätte beim heutigen Europapokalspiel nichts genützt und darin lag ein kleines Problem. Beim letzten internationalen Spiel der Ungarn gegen die Serben aus Novi Sad haute der Honvéd-Anhang offenbar so dermaßen auf die rassistische Kacke, dass die UEFA die Heimfans für die nächsten beiden Spiele in Budapest ausschloss. So auch an diesem Spieltag. Das wurde einem eine Woche vor Anpfiff bewusst. Was folgten waren Nachrichten an den Gast (Gästekarte ohne israelischen Pass nicht möglich) und an Honvéd, wo man zwischenzeitlich zwei Ansprechpartner hatte, von denen einer die Akkreditierung gewährte, der andere nicht. Also Glück musste man heute haben. Ein paar Israelis waren schon vor dem Eingang und auch der Pressenmensch vertröstete noch auf ein paar Minuten, dann aber hielt man seine Akkreditierung in der Hand. Gerne! Wer dem Kreisligaverein dauernd seinen Lappen unter die Nase hält um drei Euro zu sparen und ohne auch nur ein wenig zu berichten, sollte sich auch hinterfragen, aber heute ging es eben nicht anders.


Das Bozsik-Stadion ist dabei wirklich noch eine alte Perle in Budapest. Während Vereine wie Ferencváros, MTK und Újpest schon in neuen Arenen kicken, ist das 1938 erbaute Stadion noch recht ursprünglich gehalten. Recht flache Kurven mit großer Haupttribüne prägen das Bild. Nett!

 

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Besonders stolz ist man beim Verein auf die Spieler der „Goldenen Elf“ der ungarischen Fußball Nationalmannschaft. 1954 kickten Spieler wie Namensgeber Bozsik und Ferenc Puskás beim Club, der eine ist heute Namensgeber des Stadions, der andere der Haupttribüne. Besonders in den 50er- und 80er-Jahren holte der Verein zahlreiche Meisterschaften, dann ging es auch aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten bergab. Letztes Jahr wurde man nach langer Zeit wieder ungarischer Meister und darf sich nun über ein bisschen Geld der UEFA freuen.

 

Die Gäste aus Be’er Sheva bekamen im Vorfeld 200 Karten zugesprochen, davon wurden ca. 150 abgenommen. Keine schlechte Zahl, gehört der Verein nun nicht gerade zu den Zugpferden mit großer Fanszene wie Tel Aviv. Eine wirkliche aktive Fanszene scheint es daher auch nicht zu geben, überwiegend Trikotträger (auch von ManUtd, eben Hauptsache rot!) und Familien nutzten die Gelegenheit für einen Budapest-Trip. Die aber waren bester Laune und sangen sich schon einmal ein wenig ein, teils mit unbekannten Melodien. Auch eine neue Erfahrung, ein israelisches Team hatte man bis dato noch nicht gesehen. Und die Heimfans? Die versammelten sich etwas abseits, aber von der Tribüne gut ersichtlich hinter einer der Kurven und verfolgten das Spiel von einer Großbildleinwand und ließen es sich nicht nehmen, die Gäste von dort aus mit einer Palästina-Fahne zu provozieren, die nahmen das aber gelassen hin.
Auf dem Platz musste Honvéd eine 1:2 Niederlage in Israel wettmachen, das klappte aber gar nicht mal so gut, 16 Minuten zeigte die Anzeigetafel, da führte der Gast schon mit 2:0. Hapoel wirkte einfach reifer in der Spielanlage und war noch eiskalt vor dem Kasten.

 

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Ganz lustig anzuhören waren die Reaktionen der Ungarn vor dem Stadion, deren Leinwand das Spiel mit fünf Sekunden Verzögerung zeigte. Ab und an wurde auch vor dem Stadion gezündet, der Rauch wehte über das Spielfeld. Da vergas sogar der Schiedsrichter den Vorfall zu notieren.

 

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Kurz vor dem Pausentee schaffte das Heimteam per Strafstoß den Anschluss. Die Gäste hatten ihr Pulver offenbar auf der Tribüne schon verschossen und sprangen bei den Toren nur noch kurz auf. Budapest schaffte Mitte der zweiten Halbzeit den Ausgleich und sofort wurde es noch einmal interessant, denn zwei Tore hätten den Ungarn zum Weiterkommen gereicht. Da hatte Hapoel aber was dagegen, 3:2 für den israelischen Meister und die Sache war durch, das Spiel trudelte langsam aus. Fünf Tore im ersten Spiel und ein nettes Stadion. Es ging gut los!

 

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Auf der Rückfahrt in der Tram hatte man noch ein Erlebnis der besonderen Art. Gegenüber saß eine Gruppe Deutscher und diese wurden sogleich von einem korpulenteren Herrn identifiziert, der schon gut einem im Tee hatte und sich kurzerhand seines Hemdes entledigte. Der Rücken gab dabei den Blick auf ein Tattoo mit Reichsadler und Hakenkreuz frei. Dazu äußerte er sein Einverständnis zum Holocaust und andere Dinge. In Deutschlang zig Straftaten auf einmal, hier war jeder gewillt, den Typen bis zum Ausstieg ruhig zu halten. Da war nicht nur die Person selbst ekelhaft. Mit diesem Erlebnis der besonderen Art im Kopf ging es noch ein paar Stationen mit der Metro zum Hostel.

 

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