Muss es denn gleich Nordkorea sein, wenn noch nicht einmal alle Fußballverbände Europas gekreuzt sind? Sicher nicht... Aber das schöne an unserem Hobby ist doch, dass es keine einheitlichen Regeln gibt. Das Interesse für dieses verschlossene Land bestand schon seit Jahren und auch unabhängig vom Fußball. So begann im letzten Jahr der lose Plan für das Jahr 2018 eine Nordkoreareise mit dem besten Freund und meinem Bruder zu organisieren. Im November 2016 haben die Vereinigten Staaten dann einen neuen Präsidenten gewählt und unsere Planung musste etwas vorgezogen werden ... Durch die nun kurzfristigere Buchung blieb der Freund leider auf der Strecke und nur mein Bruder und ich buchten die "Pauschalreise" bei Pyongyang Travel. Das Berliner Unternehmen bietet verschiedene Touren an. So kann man zum Beispiel Silvester in Pjöngjang verbringen, am dortigen Marathon teilnehmen oder die Parade zum Gründungstag der Partei besuchen. Wir entschieden uns für eine Tour mit Besuch des Länderspiels Nordkorea vs Libanon in der Qualifikation für den Asiencup. Die Kommunikation mit Pyongyang Travel verlief absolut reibungslos und auch das Visum für Nordkorea hatten wir schnell im Pass kleben. Um unsere Visa für China kümmerte ich mich selbst. Zwei Fahrten nach Hamburg und knapp über 120,- € Gebühren pro Nase. Sorry, dass wir Geld in eurem Land ausgeben wollen...

 

Die nächsten Monate vergingen auch Dank des Aufstiegs von Holstein sehr schnell bzw. waren gefühlt eine einzige Party (Sonderzug Regensburg, Großaspach, Heimspiel gegen Halle, Union) und so saßen wir Anfang September im SAS-Flieger, der uns über Kopenhagen in die Hauptstadt Chinas brachte.

 

Für die erste Nacht hatte ich uns in ein Hostel in der Nähe des Südbahnhofes einquartiert. Von dort sollte die Reise am nächsten Tag weitergehen. Also kurz einchecken und danach die Zugtickets abholen. Die Fahrkarten für die innerchinesischen Strecken konnten problemlos im Internet erworben werden. Am Bahnhof musste nur noch die Bestellbestätigung inkl. Reisepässen vorgezeigt werden und keine 5 Minuten später hatten wir die Tickets in der Hand.

 

So blieb noch etwas Zeit um eine Runde um den Tian'anmen-Platz zu spazieren. Auf dem Weg zurück zum Hostel durchquerten wir erneut die Hutongs, die traditionellen Gassenviertel Pekings. Auffällig war hier die plötzliche Stille. Kein Straßen- oder Großstadtlärm. Nichts. Man hätte auch aufm Dorf sein können. Schön!

 

Im Hostel gönnten wir uns dann noch ein kleines Abendessen und die ersten Biere der Tour, ehe es in die Waagerechte ging.

 

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Die Strecke von Peking nach Dandong, dem Grenzort zu Nordkorea, legten wir am nächsten Tag per Hochgeschwindigkeitszug zurück. Mit über 300 km/h pflügte der CRH durch die Landschaft. Teilweise durch Millionenstädte von denen die wenigsten Europäer bereits gehört haben dürften. So reihten sich am Horizont unzählige Hochhäuser, als ob ein Riese für den neuen Domino Day aufgebaut hätte.

 

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Überpünktlich in Dandong angekommen bezogen wir unser direkt am Flussufer liegendes Hotel. Ich hatte ein Zimmer mit Blick auf den Yalu gebucht und wir wurden nicht enttäuscht. Vor uns lagen der 813 km lange Grenzfluss, die Chinesisch-koreanische Freundschaftsbrücke, über die am nächsten Tag die Einreise per Zug erfolgen sollte, sowie die “Yalu River Broken Bridge”, die im Koreakrieg durch US-Bomber zerstört wurde.

Letztere wurde auf chinesischer Seite zur Touristenattraktion ausgebaut und erlaubt einen ersten näheren Blick auf das Ufer Nordkoreas.

 

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Das Frühstücksbuffet am nächsten Morgen bestand zum größten Teil aus warmen asiatischen Speisen. Was hier auffiel: Selbst beim Warten auf ein Toast musste sich ein Chinese eine Kippe anzünden. Am Vortag tat ein Landsmann dies beim Warten auf den Fahrstuhl. Ich bin ja kein militanter Nichtraucher, aber irgendwie kann man es auch übertreiben mit der Schmökerei...

 

Beim Betreten des Bahnhofs Dandong musste das Gepäck - wie in China an allen Bahnhöfen üblich - kurz durchleuchtet werden. Keine Ahnung, ob sich überhaupt jemand anschaut, was da an Gepäck durch den Scanner gejagt wird. Jedenfalls wurde nie ein Gepäckstück rausgezogen. Vielleicht wird das nur bei wirklich offensichtlichen Verfehlungen, wie einer AK47 im Koffer, gemacht...

 

Während im unteren Teil des Bahnhofs die innerchinesischen Züge abfuhren, begaben wir uns in den ersten Stock. Dort warteten bereits eine Menge Nordkoreaner, die man hervorragend an den verschiedenen am Hemd angehefteten Pins erkennen konnte.

 

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Bevor der aus drei Waggons bestehende Zug der nordkoreanischen Bahn betreten werden konnte, musste zunächst die Passkontrolle auf chinesischer Seite hinter sich gebracht werden. Diese verlief ohne Probleme und so konnten wir unsere Plätze einnehmen. Unser Waggon bestand aus mehreren 6-Bett-Abteilen. Wir waren mit Nordkoreanern zusammen untergebracht und im Gegensatz zu einem vor der Reise gelesenen Bericht, der die Mitreisenden als desinteressiert und emotionslos beschrieb, bedankte sich einer unserer Platznachbarn dafür, dass ich dabei half seinen Koffer auf die obere Ablage zu wuchten. Seine Frau bat mir später lächelnd an, mich neben sie auf das Bett zu setzen. Auch wenn ich dies dankend ablehnte, weil ich meinen Fensterplatz auf dem Gang vor dem Abteil nicht - wie sie wahrschinlich annahm - ungemütlich fand, wusste ich Ihre Geste sehr zu schätzen.

 

Fünf Minuten nach Abfahrt in Dandong war bereits wieder Schluss. Halt in Sinŭiju und Grenzkontrolle auf nordkoreanischer Seite. Wir waren grade mit dem Ausfüllen der drei Einreiseformulare fertig, da wuselten bereits viele uniformierte Männchen um uns herum. Zunächst wurden alle Reisepässe eingesammelt. Jeder Fahrgast musste seine Hosentaschen ausleeren, wurde dann mit einem mobilen Metalldetektor durchsucht und danach noch abgetastet. Im Anschluß daran wurde jedes Gepäckstück durchsucht. Mein Rucksack mit den Klamotten war für den Grenzer eher weniger interessant. Der Jutebeutel mit den Reiseunterlagen, Sprachführern und anderer Literatur erweckte schon eher sein Aufsehen. "Bible?" fragte er, aber ich konnte ihn beruhigen. Die Einfuhr von religiösen Schriften und Publikationen über Korea ist verboten, aber außer Fußball- und chinesischer Reiselektüre befand sich nichts im Gepäck. Elektronische Geräte wurden nur stichprobenartig durchsucht. Es wirkte eher so, als ob die Grenzer einfach neugierig in den Geräten der chinesischen Mitfahrer rumtippten. Beanstandet wurde nichts und wir waren von der Prozedur eh nicht direkt betroffen. Das Verlassen des Zuges war uns nach erfolgter Kontrolle gestattet und so konnten wir bei einem der angerollten Verkaufsstände ein kühles Bier erwerben. Das hatten wir uns auch verdient. Insgesamt zog sich die Kontrolle des Zuges, inklusive dem Anhängen weiterer Waggons, gut zwei Stunden hin.

 

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Die gemächliche Fahrt Richtung Hauptstadt führte größtenteils an Reis- und Maisfeldern vorbei. Ab und zu passierten wir kleine Dörfer. Auf den unbefestigten Straßen gingen die meisten Menschen zu Fuß oder fuhren Fahrrad. Nur selten bekam man ein Auto oder einen LKW zu sehen. Auch landwirtschaftliche Maschinen waren die Ausnahme. Häufiger sehen konnte man hingegen Ochsen, die vor Karren oder Pflüge gespannt waren.

 

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In Pjöngjang angekommen erwarteten uns unsere beiden Reiseleiter Frau Chue und Herr Jo bereits Bahnsteig. Zusammen ging es im Minibus unseres namenlosen Chauffeurs zum Kim-Il-sung-Platz, der in unseren Breiten durch die Militärparaden bekannt ist. Von hier hatten wir einen genialen Blick über den Taedong-Fluss auf den riesigen Turm der Chuch’e-Ideologie.

 

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Als wir am Taedong-Tor, dem Osttor einer mittelalterlichen Festung, entlangspazierten, fragte Frau Chue, ob wir schon einmal in Asien gewesen wären. Mein Bruder antwortete, dass er vor ein paar Jahren Urlaub in Japan gemacht hat. Frau Chue erwiderte darauf nur trocken: "Oh, Japan... Wir nennen sie japanische Imperialisten...". Wir schwiegen kurz etwas betreten und Frau Chue setzte mit einem Lächeln fort: "... oder einfach Japaner.". Das Eis war gebrochen. Damit hatte Frau Chue, die Germanistik studiert hat und ausgezeichnet Deutsch spricht, die Lacher auf ihrer Seite und sich die ersten großen Sympathien erarbeitet. Sie war während der gesamten Tour sehr humorvoll, konnte zu jeder Sehenswürdigkeit die Daten runterbeten und gab uns zu jeder Zeit das Gefühl in guten Händen zu sein.

 

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Das Abendessen nahmen wir in einem Restaurant mit Separees unter dem Bowlingcenter Pjöngjangs ein. Es gab auf dem Tischgrill zubereitetes BBQ, dazu das in Korea allgegenwärtige Kimchi (mit reichlich Knoblauch und Chili angemachter, fermentierter Kohl) und andere Leckereien. Unsere Plätze wurden übrigens zu jeder Mahlzeit mit Messer und Gabel zusätzlich zu den üblichen Stäbchen eingedeckt.

 

Vollgefuttert (bei jeder Mahlzeit der Tour stand zu viel Essen auf dem Tisch) wurden wir dann zu unserer Unterkunft gefahren. Das Sosan-Hotel liegt etwas außerhalb der Innenstadt Pjöngjangs auf einem Areal mit mehreren Sportstätten. An der Hotelbar tranken wir noch zwei Bier um das bisher erlebte noch etwas zu rekapitulieren und konnten dabei den Bedienungen beim Zuschmachten ihrer lokalen Soap-Stars zuschauen.

 

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Nach ausgiebigem Frühstück und dem Erwerb von Postkarten machten wir uns gegen 8:30 auf den Weg in die Innenstadt. Erstes Ziel war das Großmonument Mansudae. Frau Chue hatte uns vor dem Besuch darauf hingewiesen, dass es gerne gesehen wird, wenn Blumen niedergelegt werden. Auch wird erwartet, dass man sich zur Ehrerbietung vor den ca. 20 Meter hohen Bronzestatuen des “Ewigen Präsidenten” Kim Il-sung und des “Ewigen Generalsekretärs” Kim Jong-il verneigt. Etwas schickere Kleidung ist ebenfalls obligatorisch. Eine Krawatte mussten wir aber nicht anlegen. Neben den beiden zentralen Statuen, die vor einem Wandmosaik des Paektusan-Berges stehen, stellen weitere 228 Figuren herausragende Leistungen beim Aufbau Koreas und der sozialistischen Revolution bzw. den koreanischen Freiheitskampf dar.

 

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Nächste Station war das Kim-Il-sung-Stadion. Herr Jo verschwand im Inneren um unsere Karten für das anvisierte Spiel zu organisieren. In der Zwischenzeit schauten wir uns zusammen mit Frau Chue den 1982 zum 70. Geburtstag Kim Il-Sungs eingeweihten Triumphbogen an. Dieser ist ein paar Meter höher als der Pariser Arc de Triomphe und zeigt neben einem Loblied auf Kim Il-Sung erneut Szenen aus dem Unabhängigkeitskampf.

 

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Nachdem Herr Jo mit den Tickets wieder bei unserem Minibus angekommen war, machten wir uns auf den Weg zum Stadion Erster Mai, welches wie ein UFO auf einer Insel des Taedong liegt. Diese Schüssel, die vor dem letzten Umbau Platz für 150.000 Zuschauer bot, dürfte eigentlich jedem Fußballinteressierten ein Begriff sein. Im Stadion selbst wurden grade die letzten Minuten eines Damenspiels ausgetragen. Nach Auskunft der örtlichen Führerin, die in einer koreanische Tracht gekleidet war, handelte es sich um ein Pokalspiel zu Ehren des Gründungstags der Demokratischen Volksrepublik Korea am 09. September. Wir bekamen noch eine Führung durch die Katakomben, des vor einigen Jahren renovierten Stadions, und trugen uns ins Gästebuch ein. Das hier veranstaltete Arirang-Festival mit seinen Massenchoreographien findet übrigens aus Kostengründen seit Jahren nicht mehr statt.

 

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Als nächste Station sah unser enger Zeitplan einen Besuch der nur einen Steinwurf entfernt liegenden Pyongyang International Football School vor. Der Vizedirektor führte uns dort durch Klassen- und Schlafzimmer und anschließend zu den Trainigsplätzen.

 

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Anschließend begaben wir uns zum 170 Meter hohen Chuch’e-Turm, welcher am Vorabend bereits von der anderen Seite des Taedong in Augenschein genommen werden konnte. Für Fotos vom Sockel war dieses Monument aber irgendwie zu riesig. Auf zuvor im Internet gesehenen Bildern wirkte das Bauwerk weniger imposant...

 

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In der Innenstadt Pjöngjangs sind in den letzten Jahren zahlreiche Boulevards mit von außen modern wirkenden Hochhäusern entstanden. Laut Frau Chue werden hier zum Beispiel Uni-Professoren und andere Wissenschaftler untergebracht. Der Rest der Stadt besteht größtenteils aus mehr oder weniger großen Plattenbauten, wie man sie aus anderen (ehemals) sozialistischen Ländern auch kennt. Wohneigentum gibt es nicht. Alle Wohnungen werden vom Staat verwaltet und es fällt eine Nutzungsgebühr in Höhe von 5 oder 10 % (hab ich mir leider nicht genau gemerkt) des Einkommens an. Unsere Reiseleiterin selbst wohnt noch bei ihren Eltern. Wenn sie heiraten würde, würde ihr Mann zunächst mit in die elterliche Wohnung einziehen, bis vom Staat eine eigene Wohnung zugewiesen wird.

 

Grau und trist ist mir Pjöngjang nicht vorgekommen. Höchstens die Kleidung der Bevölkerung wirkt (vor allem bei Männern) sehr eintönig. Frauen scheinen sich mit Kostümen, Kleidern und Trachten etwas individueller kleiden zu können.

 

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Unser Mittagessen nahmen wir in einem Restaurant in Nähe des obersten Gerichtshofes ein. Als Hauptspeise gab es die von unserer Reiseleitung als Spezialität Pjöngjangs angepriesenen "kalten Nudeln". Neuen Gerichten gegenüber bin ich sehr aufgeschlossen. Hier wurde ich leider enttäuscht, was sicher auch daran liegen mag, dass ich als Halbitaliener einmal wöchentlich beim Besuch meiner Eltern leckerste Pastakreationen serviert bekomme. Schwer zu zerkauende Buchweizennudeln in kalter Brühe - Nee, danke... Die Nachspeise Jjinbbang (ein mit Bohnenpaste gefülltes, gedämpftes Brötchen) war dann schon wieder eher nach meinem Geschmack.

 

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Gestärkt konnten wir uns nun auf dem Weg zur U-Bahn machen und ein paar Stationen fahren. Zum Straßenverkehr in Pjöngjang kann gesagt werden, dass hier das Recht des Stärkeren herrscht. Radfahrer und Fußgänger, die eindeutig in der Überzahl sind, werden gnadenlos ausgehupt. Zebrastreifen werden von Autofahrern nicht beachtet. Unbeleuchtete Fahrzeuge bei Nacht sind keine Seltenheit. Die fehlende Straßenbeleuchtung dient auch nicht der Verkehrssicherheit. Stau scheint es wegen der wenigen Fahrzeuge selten bis nie zu geben. Einzig die Warteschlange vor mancher Bus- oder Tramhaltestelle ist über 30 Meter lang, aber auch dies nehmen die Nordkoreaner in Seelenruhe hin.

 

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Nach einem kurzen Zwischenstopp bei der Pjöngjanger Blumenausstellung ...

 

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... wurden wir am Monument zur Gründung der Partei der Arbeit Nordkoreas abgesetzt, welches auf einer Sichtachse mit dem Mansudae-Großmonument liegt. Die von Händen gehaltenen Hammer (Arbeiter), Sichel (Bauern) und Pinsel (Intelektuelle) werden von einem Ring mit Reliefs umgeben, die z. B. auf die Historie der Partei Bezug nehmen.

 

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Nach einem kurzen Spaziergang wurden wir in einen Souvenirladen geführt. Gekauft wurde allerdings nichts, da wir uns bereits vorher im internationalen Buch- bzw. Briefmarkenladen mit Mitbringseln eindecken konnten und so machten wir uns auf in das direkt daneben liegenden "Pyongyang exhibition house of culture". Nachdem ich ein Foto der hier ausgestellten koreanischen Trachten gemacht hatte, wurde ich von der lokalen Führerin freundlichst auf das Fotoverbot hingewiesen. Tschuldigung! Es folgten unter anderem noch Gemälde und Skulpturen. “Witzig” waren die in unseren Breitengraden als "XY looking at things" bekannten Fotos der Führer Nordkoreas. Kim Il-sung begutachtet die Ernte der Bauern. King Jong-il im Austausch mit Bauarbeitern. Kim Jong-un beim Besuch einer Schulranzenfabrik. Ihr wisst, was ich meine...

 

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Nun sollte es aber auch endlich zum Fußball gehen. Das in den 1920er-Jahren erbaute Kim-Il-sung-Stadion bietet Platz für 50.000 Menschen.
Im Stadion selbst waren, neben der von einem Mitglied der Dröhnbüttel-Redaktion angekündigten Reisegruppe von Jojo aus Hamburg und einem Briten, der im gleichen Restaurant wie wir zu Mittag gegessen hatte, kaum weitere Westler auszumachen. Auf der Haupttribüne schienen neben den bei diesen Spielen üblichen internationalen Offiziellen größtenteils Militär- und Parteigrößen Platz zu nehmen. Ist also auch nicht viel anders als bei uns. Die oberen 10.000, die es auch im Sozialismus gibt, bleiben gerne unter sich. Die unteren beiden Ränge des restlichen Stadions wurden von Studentinnen und Studenten in den typischen weißen Uniformen eingenommen, was - verstärkt durch weiße Kappen - ein einheitliches Bild ergab. Nur der Oberrang schien mit Otto-Normal-Zuschauern belegt gewesen zu sein. Wobei es dort nicht komplett voll war und nicht von einem "ausverkauften" Spiel gesprochen werden kann. Auf der Homepage des AFC werden später 31.000 Zuschauer angegeben.

 

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Vor den Blöcken der Studenten gab es Vorsänger und in Höhe der Mittellinie auf der Gegengerade versuchte eine Gruppe, die wahrscheinlich eine Art nordkoreanischer Cheerleader sein sollte, für Stimmung zu sorgen. Es wirkte also alles etwas orchestriert. Der Torjubel - Nordkorea konnte in der ersten Halbzeit in Führung gehen- fiel dann aber doch relativ laut aus.

 

In der Pause wurden wir von Hr. Jo mit einem süßen, etwas fettigen Brötchen (erinnerte etwas an Berliner) mit Süßkartoffelfüllung und einer (Kartoffel?)Limo versorgt. Als Dessert gab es noch etwas nordkoreanischen Gossip: Frau Chue erzählte, dass der mit der Rückennummer 11 aufgelaufene Jong Il-gwan , der 2010 zum AFC Youth Player of the Year gekürt wurde und seit Sommer beim FC Luzern in der Schweiz unter Vertrag steht, hier sehr gut bei den Frauen ankommen würde und sich vor kurzem mit einer Kollegin verlobt hätte.

 

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Trainer der Nordkoreaner ist übrigens Jörn Andersen, der 2009 mit Mainz 05 in die Bundesliga aufstieg. Auf dem Platz konnten die spielerisch besseren Libanesen kurz nach Wiederanpfiff ausgleichen. Kurz vor Schluss wieder Jubel im weiten Rund - Ri Yong-jik, der sonst in der zweiten japanischen Liga aufläuft, traf zum 2:1!

 

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Dann ein großer Aufreger in der Nachspielzeit. Ein libanesischer Ersatzspieler war wohl etwas ungehalten, da ein Balljunge kurz in Zeitlupe arbeitete. Was macht man in so einer Situation? Maher Sabra zumindest scheint recht dicke Eier zu haben oder einfach nur dumm zu sein: Er schiesst einen Ball auf den Jungen, der ihn nur knapp am Kopf verfehlt! Gepöbel von der Tribüne, aufgeregte Betreuer, rote Karte für den Übeltäter!

 

Kurz nach dieser hitzigen Situation konnten die Libanesen tatsächlich noch den Ausgleichstreffer zum 2:2 (90+4) durch Kapitän Hassan Maatouk markieren und so einen wegen der spielerischen Klasse meiner Meinung nach nicht unverdienten Punkt aus Pjöngjang mitnehmen.

 

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Am nächsten Morgen mussten wir bereits wieder Abschied von Pjöngjang nehmen. Frau Chue, mit der wir uns während der gesamten Tour den Umständen entsprechend offen austauschen konnten, und Herrn Jo wünschten wir alles Gute für die Zukunft und übergaben noch unsere kleinen Gastgeschenke.

 

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Die Rückfahrt Richtung Grenze verlief recht kurzweilig. Ich schaute nicht die ganze Zeit aus dem Fenstern, sondern widmete mich dem Buch “AYIA NAPA!” von Jörg Pochert, welches er mir netterweise beim TeBe-Auswärtsspiel gegen Altlüdersdorf überreichte, oder döste vor mich hin. So vergingen die knapp 5 Stunden fast wie im Fluge. Die Ausreisekontrolle zog sich mit ca. 1 1/2 Stunden etwas kürzer als auf der Hinreise hin. Der englischsprechende Grenzer hatte nach erledigter Durchsicht meines Gepäcks noch ein Lächeln für mich über. Insgesamt wirkten die Beamten bei unserer Ausreise entspannter als noch vor zwei Tagen bei der Einreise.

 

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Im Nachtzug von Dandong Richtung Peking gönnten wir uns den etwas teureren "soft sleeper" und waren so in einem Abteil mit 4 Betten untergebracht, welches wir uns mit zwei pflegeleichten Chinesen teilten. Abfahrt 18:31, 8:40 Ankunft am Donnerstagmorgen. Pünktlich!

 

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