De Langelegte, 28. Januar 2011, Endstand 1:0

 

Donnerstagsrituale: 1. Matchkalender checken. 2. Routenplaner konsultieren und Machbarkeit der Strecke prüfen. 3. Überzeugungsarbeit bei potentiellen Mitfahrern leisten. Wenn alle drei Punkte erfolgreich: Rucksack packen, am nächsten Tag Arbeitszeit rumkriegen (oder im Falle eines Mitfahrers auf Schichtausfall hoffen), Leute einsammeln und ab auf die Autobahn, um vor dem Stau am Elbtunnel zu sein.

 

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Ziel der Reise diesmal: Niederlande, genauer Veendam - eine ehemalige Torfstecherkolonie (hieraus resultiert auch der Spitzname der Veendamer Fußballer "Veenkolonialen") im Osten der Niederlande, nicht unbedingt der Mittelpunkt der Welt und wohl eher nicht mal in den Niederlanden eine der Metropolen. Dafür ist der dort heimische Verein, der BV Veendam, aber einer der ältesten Vereine des Landes (gegründet am 4. September 1894). Zunächst trug man noch den recht lässigen Namen "Look-Out Veendam", ging dann aber 1909 zum niederländischeren Namen "Prinses Juliana Veendam" über, den man kurz danach ganz einfach in "Veendam" verkürzte.

 

Mit der Einführung des Profifußballs in den Niederlanden 1954 wurde auch Veendam ein professioneller Verein, und spielte in der Eredivisie. Der Erfolg in der ersten Liga war eher suboptimal, man konnte sich nur eine Spielzeit dort halten. Ende der Achtziger gelang noch zweimal der Aufstieg ins Oberhaus (1986 und 1988), wo man über die Rolle des Underdogs allerdings nicht hinauskam und jeweils wieder abstieg. Die eigentliche Heimat der Black Yellow Angels ist die Eerste Divisie, also die zweite Liga in den Niederlanden.

 

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Dass 115 Jahre Fußballtradition leider herzlich wenig wert sind im Geschäft Fußball zeigte sich 2009/2010, als die Folgen der Weltwirtschaftskrise auch den niederlänidischen Fußball hart trafen. Dabei ist die Wirtschaftlichkeit der Vereine in den Niederlanden dehalb von so großer Bedeutung, da die beiden Profiligen (Eredivisie und Eerste Divisie) im Endfeffekt ein abgeschlossenes System darstellen, aus dem man im Normalfall nur absteigen kann, wenn einem der Koninklijke Nederlandse Voetbalbond wegen zu hohen Schulden oder ähnlichem die Lizenz entzieht. Nachdem schon der FC Haarlem in derselben Saison für zahlungsunfähig erklärt wurde (was den Zwangsrückzug aus dem Spielbetrieb und die anschließende Auflösung des Vereins bedeutete), drückten den BV Veendam Schulden von 350.000 €. Allerdings konnte der Verein, der haarscharf vor der sprichwörtlichen Bankrotterklärung stand, in letzter Minute genug Geld sammeln, um die Tradition in der Region Groningen zu erhalten (lediglich gab es zu dieser Saison Punktabzüge wegen Verstößen gegen das Lizensierungsverfahren, ein Schicksal, das aber auch sieben(!) weitere Zweitligavereine traf).

 

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Und so steht an diesem Freitag tatsächlich ein Spitzenspiel in der Jupiler-League (so der offizielle Name der zweiten Liga) mit Beteiligung von Veendam an - der Tabellenführer FC Zwolle ist zu Gast im Stadion "De Langeleegte", was ungefähr so viel heißt wie die lange, bzw. weite Niederung (prima Beschreibung für mind. 50% des ganzen Landes). Der Ground, der 5290 Zuschauern Platz bietet, verdient sich auf jeden Fall das Prädikat "typisch holländisch" - oldschool Flutlichtmasten, zwei große Tribünen auf den Längseiten, kleine Hintertortribünen, wo sich die jeweiligen Supportergruppen einfinden. Aus Zwolle haben sich an diesem Freitag ca. 70 Leute mit aufgemacht, die neben einigen Zaunfahnen noch zwei große "Against modern football"-Transparente an ihrem Blockzaun anbringen.

 

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Im Supporterblock vom BV finden sich auch nicht viel mehr Leute ein, allerdings macht die kleine Gruppe von Zeit zu Zeit ganz gut Lärm. Fahnen gibt's nur zwei: eine kleine der Fanatics und die sehr oldschoolige "Appingedam groet Veendam".

 

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Eine weitere Supportergruppe scheint ihrem Platz auf der Gegengerade zu haben. Der Rest des Publikums wählt zum größten Teil die Sitzplätze der Haupttribüne. Diese, wie auch die anderen Tribünen sind größtenteils in den Vereinsfarben schwarz und gelb gehalten und besitzen einen gewissen Charme, weil es sich halt nicht um eine moderne und sterile Arena handelt, sondern einfach authentisch ist. Das gilt auch für das etwas in die Jahre gekommene Flachdachgebäude, welches sich hinter der einen Hintertortribüne befindet und das Supportersheim beherbergt. Der Geruch von frisch Fritiertem zieht uns natürlich magisch an, genau so wie die Aussicht, der ziemlich fiesen, feuchten Januarkälte ein wenig zu entkommen. Drinnen gibt es dann diverse Schals zu bestaunen (so muss das in einem Vereinsheim sein),

 

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man kommt ein wenig mit Heimsupportern ins Gespräch (Holstein Kiel ist bekannt, sowie zur Freude der Sektion auch das Stadion der Freundschaft)

 

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und beginnt das kulinarische Angebot zu studieren.

 

Den Engländern wird ja manchmal vorgeworfen, dass sie für ihre Gerichte nicht gerade die verführendsten Namen erfunden haben. Beispiele "Toad in the Hole" oder "Bubble and Squeak" lassen einem nicht automatisch das Wasser im Mund zusammenlaufen - die Niederländer waren mit "Patat orloog" aber auch durchaus ziemlich kreativ, denn das Gericht heißt übersetzt nichts anders als "Pommes Krieg". Hinter dem Namen verbirgt sich allerdings die durchaus köstliche Kombination aus Mayo und Erdnusssoße (der indonesische Einfluss auf die holländische Küche halt) auf Fritten. Im Amsterdam hab ich das ganze mal zusätzlich mit Zwiebeln und Sambal bekommen, in Veendam begnügt man sich eher mit der Basicvariante - schade.

 

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Abgerundet wird unser Hauptgang durch eine "Frikandel speciaal", die bekannte holländische Hackwurst aus der Friteuse mit Mayo, Ketchup und Zwiebeln. Ein kulinarisches wenn auch wenig ästhetisches Highlight.

 

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Zum Nachtisch gibt es noch eine "Kroket" - die zwar von außen ähnlich wie ihr kleiner deutscher Bruder aussieht, im Inneren aber eine heiße, faserige Füllung enthält, die nach Fleischbrühe schmeckt.

 

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Und das so gut, dass ein paar tiefgekühlte Kroketten ihren Weg nach Kiel finden. Ansonsten ist es immer wieder faszinierend, wie sehr der Einsatz von frischen Produkten in der niederlänischen Stadiongastro umgangen wird - Zwiebeln sind eigentlich das einzig gesellschaftlich akzeptierte Gemüse, Tomaten und Salat scheint man hingegen komplett nach Deutschland exportiert zu haben. Uns ist es so oder so recht.

 

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Konsum läuft bei den Nordostholländern übrigens über Marken, die man erstehen muss, um sie dann gegen Getränke oder warme Snacks einzutauschen - nicht zu schlimm wie Arenakarten, weil man, sofern man alle Marken ausgibt, keinen Restbetrag behält und zumindest die Essensrausgeberin hat keinen Ärger mit Wechselgeld. Preise sind auch fair, fast alles kostet "1 Munt", was umgerechnet 1,25 € entspricht.

Eintritt kostet übrigens im Höchstfall 15€, wir entscheiden uns auf der Haupttribüne zu sitzen und zahlen auch brav den vollen Preis, wobei man sich mit jeder Karte überall hätte hinsetzen oder -stellen können. Gibt noch einige Lücken auf den Tribünen (geschätzte Auslatung um die 70%), was sicher auch an dem bereits erwähntem Winterwetter liegt, was im übrigen auch dazu führt, dass der Rasen ziemlich hart gefroren ist (hier anscheinend kein Grund für eine Absage) und die Spieler statt Stollenschuhen lieber auf die Variante mit Nocken umgestiegen sind. Das bremst aber keineswegs den Einsatz, mit dem die Hausherren zur Sache gehen. Technisch nicht unbedingt hochwertig, dafür aber unterhaltsam. Mit dem einzigen Tor nach einer halben Stunde: Ausgerechnet der in Zwolle geborene und beim FC groß gewordene Anco Jansen setzt sich auf links schön durch, flankt mustergültig auf Michael de Leeuw, der dann eiskalt vollendet.

 

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Der Rest des Spieles besteht dann aus engagiertem, aber wenig koordinierten Offensivspiel der Gäste und brandgefährlichen Kontern der Hausherren. Zu Toren führt beides nicht mehr und so können sich am Ende die Gelb-Schwarzen freuen. Wenn deren Heimstärke weiter Bestand hat, könnten sie es sogar in die Play-Offs um den Austieg in die höchste Spielklasse schaffen. Und das nur zwei Jahre nach der Verein fast für immer ausgelöscht gewesen wäre.

 

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Für uns geht es nach kleinem Shopping an der Tanke (Lakritz, Melk Chocoladehagel und Roomboter gevulde Koeken) zurück nach Duitsland, wo wir allerdings von der Grenze an, von einem Zollfahrzeug verfolgt werden, deren Besatzung uns dann überraschenderweise an einem Parkplatz rauswinkt. Aber Enttäuschung für die Beamten - Fußball ist noch nicht illegal (auch nicht zu dritt ;o) ). Ich hingegen bin enttäuscht, dass weder Kabel1 noch RTL2 mit Kamera vor Ort sind, freue mich dann aber nachts um drei ins Bett zu fallen.

 

Hier übrigens noch die grandiose Hymne des BV Veendam. Nille und ich sagen Schunkelbefehl.

 
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