Tongeren, in der Region Flandern darf für sich in Anspruch nehmen, die älteste Stadt Belgiens zu sein. Die Wurzeln reichen zurück bis zur römerzeitlichen Siedlung Aduatuca Tungrorum, deren Überreste unter anderem in Form der Stadtmauer noch immer sichtbar sind. Doch für fußball-historisch Interessierte hat die Stadt noch ein kleines Juwel zu bieten, welches allerdings eine dunkle Vergangenheit besitzt. Dieser Ort liegt gar nicht entfernt vom Zentrum und ist die Erklärung für den Namen der Straße „Sportpleinstraat“.

 

Denn auf den ersten Blick befindet sich in der kleinen Seitenstraße weder ein Stadion noch ein Sportplatz. Wer aber genauer hinschaut, kann unter Efeu und Büschen die Reste einer alten Mauer entdecken, über die Bäume ragt ein alter Flutlichtmast hervor. Und nach einigen weiteren Metern über den Kiesweg steht der Besucher dieses etwas verwunschen wirkenden Ortes hinter (den Resten) einer alten Tribüne.

 

DSC 8106

 

DSC 8107

 

DSC 8113

 

DSC 8114

 

DSC 8115

 

DSC 8117

 

DSC 8119

 

DSC 8128

 

DSC 8133

 

DSC 8134

 

DSC 8135

 

DSC 8141

 

DSC 8142

 

DSC 8145

 

DSC 8150

 

DSC 8213

 

Der „lost ground“ gehörte einst Cercle Sportif Tongrois, die erstmals 1908 gegründet wurden, dann allerdings während des 1. Weltkriegs verschwanden. Bereits 1917 wurde der Verein aber wiedergründet, spielte nachfolgend sogar für einige Zeit in der zweithöchsten Spielklasse des Landes und erhielt 1935 die königliche Auszeichnung, sich Royal CS Tongrois nennen zu dürfen.

 

Das Niveau konnte allerdings nicht gehalten werden, erst ging es in die dritte Liga, dann in die vierte, ehe Cercle endgültig in den niederen Ligen strandete. Ein ähnliches Schicksal wiederfuhr zur selben Zeit auch dem Lokalrivalen Patria FC Tongeren. Im Jahr 1969 entschied man sich deshalb, trotz aller Ressentiments, die Kräfte zu bündeln und einen neuen Anlauf zu nehmen. Der neu formierte KSK Tongeren spielte zunächst noch einige Spiele in der Sportpleinstraat, zog dann aber um auf „De Motten“, den alten Heimplatz von Patria. Zunächst mit beachtlichem Erfolg: KSK gehörte zu den Topclubs der zweiten Liga und spielte von 1981 bis 1983 sogar erstklassig. In der zweiten Hälfte der 1990er war der Aufschwung allerdings vorbei und es ging ligentechnisch wieder runter. 2006 fusionierte der Verein erneut, diesmal mit dem FC Hedera Millen und zog ins neue Stadion „De Keiberg“ um. Die großen Hoffnungen wurden allerdings enttäuscht: Nach einer weiteren Fusion spielt der Verein als FC Heur-Tongeren in der 2. Pronvinciale Limburg – also nur noch im Amateurbereich.

 

Der alte Platz von Cercle ist inzwischen seit Jahrzehnten verlassen, die Natur hat sich große Teile zurück erobert. Das Stadion ist zwar noch zu erkennen, inzwischen bestimmen aber Büsche, Disteln und Brennnesseln das Bild. Zwischendrin diente das Areal ganz profan als Weide für Pferde.

 

DSC 8195

 

DSC 8202

 

DSC 8201

 

DSC 8154

 

DSC 8191

 

DSC 8175

 

DSC 8159

 

DSC 8226

 

DSC 8241

 

DSC 8217

 

DSC 8214

 

DSC 8243

 

Fast idyllisch – allerdings ist mit dem Ort auch einer der schwärzesten Tage in der Geschichte Tongerens verbunden. Anfang 1944 sollten sich im besetzen Belgien alle wehrfähigen Männer der Jahrgänge 1920 und 1921 zum Kriegsdienst melden. Diesem Schicksal versuchten viele zu entkommen und versteckten sich. Allerdings fahndeten die deutschen Besatzer mit aller Härte nach den Flüchtigen, so auch am 30. Januar. An diesem Tag fand das prestigeträchtige Derby zwischen Cercle Tongeren und Excelsior Hasselt statt, im Publikum und auch auf dem Feld viele der Gesuchten. Als das Spiel lief wurde das gesamte Stadion von Soldaten und der Gestapo umstellt. Die jungen Männer, die dem Reiz und der Spannung des Derbys nicht hatten wiederstehen können, wurden verhaftet und in Arbeitslager deportiert. Die Spieler konnten sich in die Katakomben retten, mussten aber tatenlos mit ansehen, wie es für Freunde und Verwandte keine Rettung gab.

_____________________________________

 

Auf einer Aufnahme aus dem Stadtarchiv Tongeren ist zu erkennen, wie das Stadion ursprünglich mal aussah (Link)