Wenn es überhaupt etwas Gutes in dieser fußballfreien Zeit gibt, dann die Gelegenheit,Verpasstes nachzuholen. Da tagesaktuelles Holstein-und Hoppingfrischfutter dank Corona bis auf Weiteres ausfällt, dürfen auch gerne länger zurückliegende Touren mit einem Bericht bedacht werden, deren schriftliche Wiedergabe seinerzeit einer Mischung aus Zeitnot und Schlendrian zum Opfer gefallen ist. Manchmal ist das sehr ärgerlich, vor allem wenn interessante Grounds gekreuzt wurden und der Report schon beinahe fertiggestellt war.

So wie im folgenden Fall. Springen wir gedanklich mal ein knappes Jahr zurück nach Ende April 2019. Wem die Erinnerung schwerfällt: der Ball rollt noch, Corona ist einfach nur ein mexikanisches Bier und Holstein verspielt zuhause gegen Paderborn die letzte Chance um den Aufstieg. Außerdem steht noch der Tag der Arbeit vor der Tür und das Studium der Spielpläne lässt eine Ansetzung hervorstechen: Pokalfinale in Liechtenstein!

Da die Vereine des Fürstentums im Schweizer Ligasystem eingegliedert sind, ist der Pokal der einzige nationale Wettbewerb - und das Endspiel natürlich die perfekte Gelegenheit, diesen Länderpunkt mal einzutüten.

Eine Mitfahrgelegenheit bei einem Hopper aus dem Raum Ingolstadt ermöglicht zudem, das Ganze recht kostengünstig zu gestalten. Nächster Pluspunkt: trotz der frühen Ansetzung um 17 Uhr ergibt sich die Chance, vorher sogar zwei Spiele zu besuchen.

Beide Partien der viertklassigen Vorarlberliga in Österreich liegen nicht nur perfekt auf dem Weg, sondern bieten mit dem Bregenzer Casino-Stadion auch noch eine richtige Perle.

Die vorige Nacht ist leider kurz, schon um 3.45 Uhr schellt der Wecker. Die Bahn spielt mit und pünktlich gegen halb sieben erreiche ich mit Baar-Ebenhausen den vereinbarten Treffpunkt. Von dort aus geht es weiter in den Münchener Westen, um den dritten Mann einzusammeln. Die Straßen sind frei und Bregenz wird ganz entspannt gegen 9 Uhr erreicht. Nach einem kleinen Frühstück in der Stadt geht es dann auf ins Casino-Stadion zum ersten Kick des Tages.

 

Schwarz-Weiß Bregenz vs. FC Nenzing

Casino-Stadion, 1. Mai 2019, Endstand 4:4

Natürlich ist das Pokalfinale der Anker dieser Tour und man hätte auch zwei beliebige Spiele vorher dankend mitgenommen. Aber Bregenz? Ich war vorher schon gespannt auf den Ground und sollte nicht enttäuscht werden. Viel malerischer kann ein Stadion kaum liegen. Einen Steinwurf entfernt liegt das Festspielhaus am Bodensee mit seiner Seebühne (der alte Name Bodenseestadion kommt also nicht von ungefähr) zur anderen Seite die Alpen – einfach herrlich.

 

 

 

 

Aber nicht nur vom Panorama her kann das Stadion punkten: Haupt-und Gegengerade verfügen über Tribünen, die mit ihrer schlichten aber eleganten Konstruktion sofort zu überzeugen wissen. Die Haupt ist eine reine Sitzplatztribüne mit nur einem durchgehenden Rang, zu beiden Seiten offen und mit einem leicht aufwärts geneigten, geschwungenen Dach.

Ideal bei dem heutigen frühsommerlichen Wetter, im November oder Februar wird aber sicher so mancher dieses Design schon verteufelt haben...

 

 

 

 

 

Die verbleibende Zeit bis zum Anstoß wird nach Schalkauf und einem kurzen Gastrocheck - die Currywurst ist geschmacklich okay, aber etwas zäh in der Pelle – für einen Rundgang auf der Laufbahn genutzt.

Über diese erreicht man die Treppe, die einen auf die den Rest des Stadions umgebenden Traversen bringt. Diese sind nur in einem kleinen Teil der ebenfalls überdachten Gegentribüne (dort hat der „harte Kern“ seine Heimat) und der angrenzenden Kurve mit Sitzschalen ausgestattet, ansonsten sind es reine Steher.

Ebenso wie die Tribünen wirkt all das hier nicht angestaubt, sondern modern und in einem sehr guten Zustand. Ein Ground muss also nicht zwingend „oldschool“ sein, und kann trotzdem einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

 Der jetzige Schwarz-Weiß Bregenz wurde 2005 als SC Bregenz als Nachfolger des Konkurs gegangenen Schwarz-Weiß Bregenz von 1919 gegründet. Spielte der Vorgängerverein noch in der Bundesliga, heißt die Gegenwart Vorarlbergliga.

Die Gastgeber befinden sich im erweiterten Aufstiegskreis und empfangen mit dem FC Nenzing den Vorletzten. Sollte also eine klare Angelegenheit werden. Danach sieht es auch zunächst aus. Allerdings anders als erwartet. Die Schwarz-Weißen machen das Spiel, aber beim Gast ist einfach jeder Schuss drin. Nach einer Viertelstunde fällt das 0-1, später folgt ein Doppelschlag nach etwa einer halben Stunde.

Die Nachspielzeit der ersten Hälfte bringt mit dem 1-3 doch noch mal Hoffnung zurück. Als keine zwei Minuten nach dem Wiederanpfiff ein schöner Freistoß den Anschlusstreffer bringt, ist die Wende im Spiel offensichtlich. Schon in der 55. Minute ist die Gästeführung dann egalisiert, dieses Ergebnis hat aber länger Bestand, als die meisten der rund 500 Zuschauer wohl erwarten. Nenzing steht jetzt tiefer, zwanzig Minuten vor Schluss wird ihr Abwehrriegel dann doch durchbrochen. Damit haben die Schwarz-Weißen das Spiel gedreht, allerdings gelingt es Bregenz nicht, die Führung auszubauen. In der Schlussphase ziehen sie sich ihrerseits dafür weiter zurück. Und völlig überraschend gelingt den Nenzingern nach einem umstrittenen Eckball kurz vor dem Schlusspfiff doch noch das 4-4.

 

 

 

Dabei bleibt es dann und unterm dem Strich steht damit ein Resultat, das keinem Team so richtig weiterhilft - aber vom Verlauf und den Rahmenbedingungen her hätte sich der neutrale Zuschauer nicht mehr erhoffen können.

 

SC Röthis vs. FC Blau-Weiß Fussach

Sportplatz an der Ratz, 1. Mai 2019, Endstand 5:0

 

Zwischen dem Abpfiff in Bregenz und dem Anpfiff in Röthis liegen knappe 1 3/4 StundenZeit genug, die 30 km Entfernung zu überbrücken und unterwegs noch einen kleinen gastronomischen Zwischenstopp einzulegen. Röthis ist der Schauplatz ist des zweiten Spiels des Tages, und ebenso wie der SW Bregenz kickt der heimische SC Röthis in der Vorarlbergliga.

Schon auf dem Parkplatz sieht man einige PKW und Gesichter aus Bregenz wieder. Wenig verwunderlich sollte sich dies auch später in Vaduz wiederholen. Klar, dieser Trip ist natürlich für Hopper wie gemalt und sorgt für einen entsprechenden Auflauf.

 

 

 

 

 

 

 

Der „Sportplatz an der Ratz“ kann in punkto Ausbau selbstredend nicht mit Bregenz mithalten. Nur die Hauptgerade bietet mit dem Vereinsgebäude und der aufgesetzten Tribüne einen Hingucker. Innen wie außen dominiert allerdings Holz, was für ein uriges Ambiente sorgt. Schon vom Parkplatz aus - mit Blick über eine Wiese mit Löwenzahn und im Hintergrund wieder schneebedeckte Alpengipfel - hätte das Gebäude genauso gut als Gasthof auf einer Alm durchgehen können ;)

Rein sportlich war ja schon das vorige Match trotz konträrer Vorzeichen eine äußerst spannende Angelegenheit. Hier trifft jetzt oberes auf unteres Mittelfeld, wird es vielleicht ähnlich turbulent? Leider nein, das Spiel verläuft ziemlich einseitig zugunsten der Gastgeber. Dennoch steht es zur Pause nur 1-0. Aber alle Zweifel werden in den ersten 15 Minuten der zweiten Halbzeit ausgeräumt. Am Ende steht ein klares 5-0 und die etwa 300 Zuschauer haben nicht nur einen völlig verdienten Heimsieg bestaunen dürfen, sondern unter den Treffern war auch ein „Tor des Monats“-verdächtiger Weitschuss über Freund, Feind und Torhüter hinweg aus ca. 40 Metern.

 

 

 

 

 

Danach geht es fix zurück zum Parkplatz, wiederum sind etwa 30 km zurückzulegen, aber die ziehen sich spätestens bei Erreichen des kleinen Fürstentums. Denn innerorts gilt dort Tempo 50 und gefühlt ist man auch nur innerorts unterwegs.

 

Fussball Club Vaduz vs. Fussballclub Ruggell

Rheinpark Stadion, 1. Mai 2019, Endstand 3:2

Gegen 16 Uhr ist das Rheinpark Stadion erreicht. Das Nationalstadion und gleichzeitige Heimstätte des FC Vaduz ist mit seinen knapp 8000 Plätzen – verteilt auf vier alleinstehende Tribünen – auch gleichzeitig das größte Stadion im Fürstentum.

Das Innere wirkt ein wenig steril, wird aber durch die Farbgebung der Bestuhlung in den Landesfarben Blau und Rot etwas aufgelockert. Interessanter ist da fast das Panorama von außen, denn der Ground liegt unmittelbar an der Grenze zur Schweiz - am Rhein.

 

 

 

 

Hier bleibt für ein paar Fotos noch locker Zeit, denn die Ticketakquise gestaltet sich erwartet unproblematisch. Letzten Endes ist nur die Haupttribüne geöffnet und lediglich knapp 1200 Zuschauer verfolgen das Endspiel. Dies mag auch mit der erdrückenden Dominanz des FC Vaduz in diesem Wettbewerb zu tun haben: vor der Saison auf einen Cuperfolg der Haupststädter zu tippen, dürfte vermutlich schlechtere Wettquoten bringen als Geld auf eine erneute Meisterschaft des FC Bayern zu setzen. Dies ist die 74. Auflage des „FL1 Aktiv Cup“ und der FC Vaduz blickt voraus auf seine 60. Finalteilnahme – 46 der bisherigen Endspiele konnten siegreich gestaltet werden. Der heutige Finalgegner vom FC Ruggell sieht seinem siebten Finale entgegen, wartet aber immer noch auf den ersten Triumph.

Die aktuelle Dominanz sieht den FC Vaduz bei 6 Siegen in Serie und die Ergebnisse waren zumeist Klatschen, wie man sie eher aus der ersten DFB-Pokalhauptrunde gewohnt ist: die letzten 5 Finals wurden mit kombinierten 30-1 Toren gewonnen. Also deutet erstmal nichts auf eine enge Kiste hin. Man hofft eher darauf, dass die Außenseiter in Grün-Weiß das Spiel möglichst lange werden offenhalten können. Angesichts von 4 Ligen Unterschied - Vaduz spielt zweitklassig in der „Challenge League“ und Ruggell sechstklassig (natürlich in der „2. Liga“ :D ) - ist das sicherlich alles, was man verlangen darf. Auf den Tribünen zumindest sind es die Anhänger des Außenseiters, die das Übergewicht besitzen, und zwar in jeglicher Hinsicht: personell, optisch und akustisch. Der grünweiße Block bietet zum Anpfiff sogar eine kleine Choreo mit Luftballons in den Vereinsfarben. Simpel, aber hübsch anzuschauen.

 

 

 

 

 

 

Auf dem Platz stellt sich dann schnell das erwartet einseitige Spielgeschehen ein.Die Hauptstädter haben fast permanent Ballbesitz und agiert durchweg in des Gegners Hälfte. Ruggell steht tief und hat alle Füße voll damit zu tun, den Ball vom eigenen Gehäuse fernzuhalten. Über eine halbe Stunde lang klappt das auch, dann aber geht der haushohe Favorit nach 35 Minuten in Führung. Ein abgefälschter Ball nach einer Ecke muss dafür herhalten. Und während man sich noch die Frage stellt, ob der Führungstreffer schon gleichbedeutend mit der Vorentscheidung ist, rappeln sich die Underdogs zu einem ihrer seltenen Vorstöße über die Mittellinie auf. An dessen Ende steht in der Nachspielzeit ein Freistoß, der, als Flanke gedacht, direkt zum Ausgleich verwandelt wird. Dies ist auch die letzte Aktion vor der Pause, sodass die Partie mit einem sensationellen Halbzeitstand aufwarten kann.

Vaduz legt jedoch nach schöner Kombination bereits in der 52. Minute nach und verwaltet in der Folgezeit relativ glanzlos die Führung. Zwar muss Ruggell nach einer Stunde das Leder von der Linie kratzen, ansonsten passiert aber in dieser Phase nicht allzu viel. Eine Viertelstunde vor Schluss fällt das 3-1 und der Mangel an Gegenwehr im Kopfballspiel lässt erahnen, dass der Sechstligist mit seinen Kräften so langsam aber sicher am Ende ist.

Aber statt weiterer Treffer für den Favoriten darf in der 86. Minute der Außenseiter zum zweiten Mal jubeln. Ein berechtigter Foulelfmeter wird zum Anschlusstreffer verwandelt und so bringen die Schlussminuten inklusive vierminütiger Nachspielzeit noch einmal unverhoffte Spannung.

Der FC Vaduz bringt diese allerdings routiniert zu Ende und darf der Sammlung einen weiteren Titel hinzufügen. Aufgrund des Spielverlaufes natürlich auch absolut verdient - ausfallen tut der Jubel angesichts des knappen Pflichtsieges aber eher spärlich. Der Außenseiter hat hier einen großen Kampf und ein würdiges Finale geliefert und holt sich dafür den verdienten Applaus beim eigenen Anhang ab.

 

 

 

 

 

Nach der Siegerehrung, die vom unvermeidlichen „We are the Champions“ begleitet wird, treten wir so langsam aber sicher die Heimreise an. Und was bleibt vom Tage übrig? Drei Spiele in zwei Ländern, stattliche 18 Tore in Summe bei durchweg paradiesischem Wetter....und auf der Rückfahrt eine Nahtoderfahrung mit einem LKW-Fahrer, der wohl gerade im Sekundenschlaf weilte. Zum Glück konnte unser Fahrer geistesgegenwärtig ausweichen, als der Brummi auf unsere Spur rüberzog. Diese Schrecksekunde war dann aber auch das einzig Unerfreuliche an einem sonst rundum gelungenen Tag.

 

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.