Was bewegt uns? Worüber ärgern wir uns, worüber freuen wir uns? Was gibt es Neues? Und wie war es eigentlich damals? Das alles und noch viel mehr findet der CCK-Leser hier:

 

 

 

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Tick-tick-tick-tick... Fast schon höhnisch hallt das Ticken der Küchenuhr in meinem Kopf. Wie spät mag es sein. Drei Uhr? Vier Uhr? Ich drehe mich um und kneife die Augen zusammen, um auch ohne Brille die Uhr zu erkennen. Erst halb eins. Wenn ich jetzt einschlafe, reicht es vielleicht noch um einigermaßen gut durch den Tag zu kommen. Immer noch höre ich das Ticken aus der Küche. Normalerweise nehme ich es gar nicht mehr wahr. Aber heute Nacht ist alles anders.

 

Das Wochenende war anstrengend. 725 Kilometer hin und 725 Kilometer wieder zurück. Und das in nicht mal 48 Stunden. Am späten Sonntagnachmittag haben meine Freunde mich vor der Tür abgesetzt. Müde aber glücklich bin ich die Treppen hinauf geschlichen, habe eine Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben und bin aufs Bett gefallen. Ehe ich mich versah, war ich eingeschlafen. Wohlweislich hatte ich für die Pizza die Eieruhr gestellt. Also schlurfte ich verschlafen in die Küche und mit Teller in der Hand zurück zum Bett. Zufrieden kuschelte mich ein und griff nach der Sky Fernbedienung. Vor meinem inneren Auge sah ich nochmal das Tor zum Ausgleich in der 88. Minute. Mit einer stoischen Ruhe versenkte unser Mittelfeldmann den Ball im Tor. Immer und immer wieder wollte ich mir dieses Tor in der Aufzeichnung anschauen. Ich spulte vor, ohne hin zu sehen. Irgendwann, nach Bauchgefühl, drückte ich „Play“. Damit nahm das Unglück seinen Lauf.

 

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'Gutes Zeitgefühl.', dachte ich mir noch, als die Uhr oben rechts im Bild die 79. Minute anzeigte. Ich ließ es laufen. Zunächst bemerkte ich den Tonfall des Kommentators. Er klang schon fast bedrückt. Ich blickte von meiner Pizza nochmal hoch. Im Bild war der Gästeblock. Oder besser gesagt das, was der Gästeblock sein dürfte, denn es sah nicht aus, wie das, was ich erlebt hatte. Eine kleine Gruppe Fans schwenkten eher unmotiviert ein paar Fahnen. Es waren höchstens 30 Leute, die auf der großen Tribüne standen. Der Kommentator bekräftigte meine Schätzung nochmal und bedauerte, dass die Fans des kleinen Aufsteiger aus dem Norden zwar deutlich mehr Potenzial hätten, aber angesichts des Saisonverlaufes fast schon verständlicherweise den Weg nach Franken scheuten.

 

Ich stutzte. 'Angesichts des Saisonverlaufes...?' Irritiert kaute ich auf dem Stück Pizza. Dann kam die 88. Minute. Drexler hatte den Ball, brachte ihn vors Tor, Peitz verlängerte mit dem Kopf und Mühling schoss....daneben!? Ich erstarrte. Das war doch nicht das Spiel von gestern. Doch oben rechts stand die Partie. Im linken Feld 1. FC Nürnberg und im rechten Feld Holstein Kiel. Und in der Mitte der Spielstand – 2:0. Ich drückte auf Pause. Gerade als Nürnbergs Keeper den Abschlag weit in die Kieler Hälfte wuchtete, zückte mein Handy und öffnete die Kicker App. Mir lief es kalt den Rücken runter. „Negativserie hält an. Auch Trainer Nouri kann den Absturz der Störche nicht stoppen.“. Nouri?

Der Song, welcher den Wunsch ausdrückt, 2045 doch noch ein bisschen besser als heute zu sein, schallt schon eine ganze Weile durch das Holstein-Stadion und die Auswärtsblöcke der Republik. Nebenbei bereisen CCK-Leser die ganze Welt und schicken immer wieder ihre Bilder aus Spitzbergen, Sylt oder Sizilien. Außerdem wünscht sich doch jeder eine Testspielreise unserer KSV nach England, um eben auch einmal richtiges Europapokalfeeling zu haben.

 

Was aber, wenn Holstein Kiel schon längst im Ausland um Punkte kämpft? Was, wenn die Farben blau-weiß-rot schon längst international unterwegs sind?
Ganz unbemerkt von der Kieler Fangemeinde sorgt ein großes Amateurfußballprojekt in Russlands Hauptstadt Moskau für ein bisschen Völkerverständigung in dem auf politischer Ebene angespannten Verhältnis zu Putins Reich. Im Rahmen der „Amateur League“ organisieren sich seit 2008 weltweit begeisterte Hobby-Kicker. Angefangen in Italien 2008, breitete sich das Projekt blitzschnell auf andere Länder aus. In Russland wuchs das Projekt ebenso rasant, inzwischen kicken über 1.800 Teams zwischen Kaliningrad und Wladiwostok. Die größte Sektion befindet sich in der Hauptstadt der Russischen Förderation, wo 12.000 Spieler in über 400 Teams gemeldet sind.
Das Projekt begeistert gemäß seiner eigenen Zielvorgaben immer mehr junge Menschen für den Fußball und sensibilisiert sie für eine gesündere Lebensweise.

 

Aber was hat die KSV genau mit diesem Projekt zu tun? Kreml in Moskau? Roter Platz in Moskau? Disco in Moskau (vgl. Die Toten Hosen)? Holstein in Moskau! Die Spieler spielen nicht für eigens ausgedachte Teams, sie übernehmen einfach die Namen von bekannten Vereinen im Ausland, wie z.B. Frankreich, Italien, England oder Deutschland! 

 

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(Quelle: fedorzaikov auf Instagram)

 

Da darf ein Team mit dem blau-weiß-roten Wappen auf der Brust natürlich nicht fehlen und so kämpft auch ein Team mit den Farben und Logo der KSV um Tore und Punkte.

„Nach Kiel schaffen wir es leider nicht. Wir wären gerne gekommen, aber am Wochenende stehen die letzten Drehtage für das Roadmovie an“, sagt Gerrit Starczewski, der Produzent, Drehbuchautor und Regisseur hinter POTTORIGINALE. Das findet CCK natürlich etwas schade, aber auch Gerrit ärgert sich, dass „attraktivste Auswärtsspiel der Saison“ zu verpassen. Zudem er auch beim letzten Aufeinandertreffen zwischen der KSV und dem VfL nicht dabei sein konnte. Das ist inzwischen auch schon wieder fast 15 Jahre her – in der 2. Hauptrunde des DFB-Pokals siegten Wosz, Freier, Buckley aus dem Pott damals mit 2:1.

 

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Ob er denn sonst irgendwelche Schnittstellen mit den Störchen hat? „Nicht so sehr große, aber als Fanzine-Schreiber hab ich Holstein zum ersten Mal beim KFC Uerdingen in der Grotenburg gesehen.“ Im Gedächtnis geblieben ist ihm noch der Name der damaligen Ultrà-Gruppierung, der Fast Food Kolonne, den er irgendwie scheiße, aber gleichzeitig auch geil fand. Insgesamt hat er Kiel unter den sympathischen Vereinen abgespeichert.

 

Doch es soll ja auch um den Gast des Wochenendes, den VfL Bochum, gehen. Für den schlägt Gerrits Herz seit 1992. Er schrieb Fanzines, malte Doppelhalter, war beim Verein immer dabei. Was den VfL von anderen Vereinen im Pott unterscheidet? „Wir sind der letzte Verein mit einem Stadion mitten im Wohngebiet und mit echtem Flutlicht.“ Auch wenn die Anzahl der Fans woanders vielleicht größer sei, in Bochum brennen die Leute einfach noch für ihren VfL. Dass sich andere Vereine noch mit dem „Malocher-Image“ schmücken, sei nach seinem Empfinden dann doch ein wenig „heuchlerisch“.

 

 

Und da sieht Gerrit auch die Chance von Bochum, nämlich „anders zu sein“, kein durchgestyltes Produkt, sondern auch ein wenig „asi“. Wobei „asi“ für ihn als Ruhrpottbewohner gar nicht negativ besetzt ist, sondern vielmehr eine Mischung aus „ehrlich, prollig und auch unangepasst bedeutet“. Von daher sei er auch nicht wirklich überrascht gewesen, dass die Videos von VfL-Jesus, Tankwart a.D. Und Co so dermaßen viral gingen. „Mir war klar, dass ich damit den Nerv der Leute treffe, gerade in einer Zeit, in der alles immer glatter wird. Jeder kennt diese Typen im Stadion einfach.“ Von daher sind die POTTORIGINALE weit entfernt von Voyeurismus, sondern eine Liebeserklärung an die authentischen Fußballfans. Mit allen Ecken und Kanten und allen Skurilitäten. „Manchmal kann ich die Fressen auch nicht mehr sehen“, gibt der Regisseur mit einem Lachen zu - besonders dann, wenn die Protagonisten einfach mal drei Stunden zu spät zum vereinbarten Dreh kommen.

 

Der Verein selbst scheint mit dem „Asi-Fan-Image“ wenig anfangen zu können. „Die schämen sich für diese Spezies“, sagt Gerrit, „leider werden wir komplett ignoriert“. Und das obwohl der damalige Trainer Gertjan Verbeek und die halbe Traditionsmannschaft bei der Film-Premiere des ersten Teils von POTTORIGINALE vor Ort waren. So kämpft Gerrit ohne Unterstützung „von oben“ für die Bewahrung des „Andersseins“. Übrigens auch noch auf anderer Ebene, positioniert er sich doch klar gegen die Ausgliederung der Profifußball-Abteilung aus dem Gesamtverein. Die Abstimmung darüber steht am 7. Oktober an. „Egal, wie es ausgeht, da droht mal wieder die Spaltung der Szene. Wobei man beim VfL untereinander gerne mal unterschiedlicher Meinung ist.“ Vielleicht ein ein Puzzlestück, das zu dem Verein „tief im Westen gehört“ und ihn authentisch macht

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Der POTTORIGINALE Roadmovie Dreh: Anthony Arndt , Gerrit Starczewski, Tulipa , VfL Jesus, Kameramann Björn Henke und Micha.

 

Die Zeit bis zu Rückspiel kann übrigens mit dem neuen POTTORIGINALE Roadmovie überbrückt werden, das in der Winterpause erscheint.“Koks, Nutten, alles dabei“, verspricht Gerrit. Fußball-Nerds werden vielleicht auch bei den Namen „Goldin“ und „Westfalia Herne“ hellhörig. Wie das alles zusammenpasst, seht ihr dann am besten selbst.

Dass Markus Anfang nur die sportliche Situation zu kommentieren habe, war wohl einer der besten Sätze, die am Dienstag zu den Vorkommnissen vor dem Spiel gesagt wurden. Ansonsten tobte zu diesem Zeitpunkt bereits die Auseinandersetzung in den Medien.

 

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Die Stellungnahme des Vereins fiel insgesamt auch weniger polterig aus, als es vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Natürlich verurteilt die KSV die Vorfälle, aber: „Wir wollen ausdrücklich keinen Generalverdacht gegenüber allen Holstein-Ultras erheben, denn das Gros hat den Verein auch in dieser Saison bislang großartig unterstützt.“

 

Die Stellungnahme des Vereins findet ihr hier.

 

Viele Fans kritisierten aber, dass es ein zu einseitiges Statement sei, nicht Bezug auf den Angriff auf den Fanbus am Sonnabendmorgen nähme. Tatsächlich wären ein paar Zeilen in Richtung der Verletzten auf der Vereinsseite wünschenswert gewesen. Gerade weil das Verhältnis zwischen Fans und Verein in den letzten Wochen so positiv wie selten war und es in sozialen Netzwerken an Vorverurteilungen nicht mangelte. „Typisch Fußballfans“, „Die haben sich ja darauf eingelassen.“,... Jeder schien genau zu wissen, wer denn da an Bord des Busses war: Eine große Gruppe gewaltsuchender Ultràs, der garantiert zumindest eine Art Mitschuld zukommen müsste. Gerade in dieser Situation hätte ein öffentliches Statement: „Wir stellen uns vor unsere Fans“ gut getan, zumal dies in der Vergangenheit ja auch schon der Fall war.

 

Sicher war es nicht förderlich, dass bis Dienstag nicht wirklich viele Stunden waren, um die Geschehnisse aufzuarbeiten. Von Seiten der Ultràs gab es ebenfalls kein Statement, wie es weitergehen würde. Natürlich gibt es dazu auch keine Verpflichtung und wahrscheinlich mussten die Vorfälle und die körperlichen Schäden auch erst einmal verarbeitet werden. Vielleicht hätte es einem aber erspart, von der BILD-Zeitung die Ultrà-Welt erklärt zu bekommen. Die Gerüchteküche brodelte jedenfalls fleißig und jeder fragte sich, was für eine Reaktion am Dienstag folgen würde.

 

Viel diskutiert wurde dabei auch die Frage eines „Boykotts“. Diese Diskussion verlief durchaus kontrovers, gerade weil es sportlich derzeit wirklich gar keinen Grund zur Klage gibt und das Duell gegen den FC St.Pauli sollte ein großer Höhepunkt werden. Volle Ränge, beste Stimmung,... Dazu sollte es leider nicht kommen - wobei, selbst wenn man eine andere Meinung hat,vielleicht auch Verständnis für die Ultràs aufgebracht werden sollte. Der Lebensinhalt, die Arbeit von zehn (!) Jahren hatte schließlich einen gehörigen Schaden erlitten, vielleicht ist sie in dem Sinne sogar ausgelöscht. Von daher wäre es eigentlich am Rest des Stadions gewesen, doppelt so laut zu sein – auch um den Zusammenhalt aller Kieler Fans zu zeigen.

 

Der Geschäftsführer der KSV, Wolfgang Schwenke, kommentierte den „Boykott“: „Es ist nicht hinzunehmen, dass ,Fans’, die ein persönliches Problem haben, das an der Mannschaft auslassen und den Support verweigern. Genau die Leute sind das, die von den Spielern verlangen, ihre persönlichen Probleme zu Hause zu lassen und auf dem Rasen Woche für Woche ihre Bestleistung abzuliefern.“ Da ist natürlich die Frage, wer Geld bekommt und wer Geld zahlen muss. Und wo auf der Eintrittkarte die Verpflichtung zum Support festgehalten ist und warum bestimmte Bereiche im Stadion von dieser Pflicht ausgenommen sind. Mit lautstarker Unterstützung ist ein Spiel zugegebenermaßen besser, doch kann im Endeffekt doch jeder selbst entscheiden, wie sehr und wann er supportet. Und die Ultràs haben sich in diesem Spiel, so schade es ist, dagegen entschieden.

 

Für die Dinge, die sich vor dem Spiel im Stadion ereignet haben, muss der Durchschnittsfußballfan vielleicht kein Verständnis aufbringen, er kann aber zumindest versuchen sie zu verstehen. Natürlich gibt es auch hierzu keine Verpflichtung und jeder hat das Recht das alles einen großen Kindergeburtstag oder einfach schlecht zu finden. Aber ein „die Chaoten“ vs. „Wir, die guten Fans“ wird einen auf Dauer nicht weiterbringen. Schließlich entstehen der von allen gewünschte tolle Support und die sehenswerten Choreos ja genau dadurch, dass für einige Menschen das „Fan-Sein“ nicht am Stadiontor endet. Es ist der Inhalt des Lebens, es wird mehr Zeit und Geld geopfert, als eigentlich vorhanden ist, die Liebe zur KSV dauert 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Wenn einem dieser Lebenssinn geraubt wird, ist dies tatsächlich ein harter Schlag, eine Ausnahmesituation. Es ist für Außenstehende sicher schwer zu verstehen. Vielleicht rechtfertigt es es auch nicht in jedermanns Augen den Platzsturm. Aber manchmal hilft es, eine Schwarz-Weiß-Sicht der Dinge zu verlassen.

 

Einige Menschen scheinen diese Gabe noch zu besitzen. In einem Kommentar war zu lesen: „Das Rüberlaufen, wenn es denn sein muss...aber das mit dem Bengalo ging gar nicht.“ Wohl gemerkt kam dieser Kommentar, dem sich der Schreiber durchaus anschließen kann, nicht gerade von einem jungen „Schlachtenbummler“. Natürlich wird der Platzsturm Konsequenzen haben, die nicht positiv sind – für den Verein nicht, für die Verursacher nicht. Aber vor ein paar Jahren die Derbies gegen Lübeck miterlebt hat, weiß auch, dass die Vorkommnisse vom Dienstag keine „neue Dimension“ darstellen.

 

Von daher ist zu hoffen, dass es bald wieder gemeinsam und mit viel Hingabe für die gemeinsame Liebe weitergeht.