Es könnte so schön sein. Holstein Kiel hat sich im Laufe der Saison von einem ambitionierten aber glücklosen Team zu einem potentiellen Aufsteiger entwickelt. Drei Spieltage vor Schluss stehen die Störche auf Platz zwei. Quasi mit der Zehenspitze schon in Liga zwei. Das Beste an der Sache? Das Saisonfinale verspricht zwei Heimspielkracher gegen den Ostseerivalen FC Hansa Rostock und den Halleschen FC. Volle Hütte garantiert.

 

Aber hier fangen die Probleme an. Volle Hütte und trotzdem sind einige Leute unzufrieden. Als Kieler ist einem dieser Umstand nicht neu. Denken wir mal zurück an die Pokalsaison 2011/2012. Wie in einem Rausch fegte der Pokalschreck von der Küste in Richtung Viertelfinale. Hier wartete der damals amtierende Meister Borussia Dortmund. Trotz Eiseskälte und selbst bei größtem Optimismus geringer Chance auf Weiterkommen waren die wenigen, frei verfügbaren Karten binnen gefühlt Hundertstelsekunden ausverkauft. Es folgten unverschämte Angebote auf den verschiedensten Plattformen. Viele Kieler schauten in die Röhre. Der Schuldige war schnell ausgemacht und das allseits beliebte Wort „Erfolgsfans“ geisterte durch die sozialen Netzwerke.

 

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Viel Platz auf der Westtribüne (Holstein Kiel vs. Hertha BSC II im Jahr 2012)

 

„Wie kann es sein, dass sich im Laufe der Saison keiner für Holstein interessiert, aber wenn der BVB kommt, dann sind sie alle Fans?“, wurde sich vielerorts echauffiert. Tatsächlich wies die KSV am Ende der Saison 2011/2012 einen Zuschauerschnitt von nur 3.756 aus – selbst in der Regionalliga ein eher enttäuschender Schnitt. Die Antwort auf die eingangs des Absatzes gestellte Frage ist relativ einfach. Nur die durchschnittlich 3.756 Zuschauer interessierten sich für Holstein selber. Denen ist es egal, ob auf der anderen Seite des Rasens so spannende Gegner wie der Berliner AK oder TSV Havelse stehen. Sie wollen ihre Mannschaft, die KSV spielen und im besten Fall siegen sehen.

 

Aber sind die restlichen Zuschauer, die dem Viertelfinale beigewohnt haben damit automisch diese verrufenen „Erfolgsfans“? Zieht man mal die zahlreichen Dortmund-Fans die nicht nur in den Gästeblöcken sondern mehr als vereinzelt auch im Rest des Stadions anzutreffen waren ab, so kommt man immer noch auf einen beachtlichen Anstieg der Zuschauerzahl. Wieder die Frage: Alles Erfolgsfans? Mitnichten. Es gibt viele Berufsgruppen, die samstägliche Besuche im Stadion erschweren. Familiäre Verpflichtungen, Finanzen, Gesundheit – das alles und noch viele andere Dinge können einen regelmäßigen Gang ins Stadion verhindern. Kommt es aber zu einer solchen Begegnung wie gegen den BVB, so schaufeln sich die Leute eher mal frei. Zumal das Spiel an einem Wochentag stattfand. Kein seltenes Phänomen. Blickt man zurück auf das diesjährige Spiel gegen den MSV Duisburg auf einem Dienstagabend, so stellt man fest, dass auch hier die Zuschauerzahl größer war, als erwartet.

 

Zurück zum Pokalspiel gegen Dortmund. Berücksichtigt man nun alle vorgenannten Argumente kommt man immer noch auf eine beachtliche Zahl vermeintlich sensationsgieriger Zuschauer, die nicht wegen der KSV gekommen waren. Tatsächlich? Der Zuschauerschnitt am Ende der Saison 2015/2016 betrug 5.193. Gegenüber 2012 also ein Anstieg von rund 1.437. Sind dies immer noch Erfolgsfans? Denn immerhin sind diese Leute ja in der Saison 2011/2012 offenbar nicht im Stadion gewesen. Aber vielleicht doch? Was wenn dieses Pokalspiel sogenannte „Erfolgs- oder Sensationsfans“ angelockt hat? Was wenn die Aufstiegssaison, in der spätestens in den Aufstiegsspielen gegen Kassel wieder Kartenknappheit herrschte, ebenfalls Menschen angelockt hat? Die Saison 2014/2015, in der wir im Grunde genommen 180 Minuten mit einem Bein in der zweiten Liga standen?

 

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Volles Haus in der Relegation gegen den TSV 1860 München im Jahr 2015

 

Was wenn jedes dieser Spiele, in denen über diese offenbar geächtete Gruppe geschimpft wurde, dazu geführt hat, dass aus einer weiteren Handvoll „Erfolgsfans“ treue Anhänger geworden sind? Anhänger, die auch in weniger aufregenden und erfolgreichen Phasen hinter der KSV stehen? Denn wo sonst kommen die knapp 1.500 Zuschauer mehr her, die konsequent jeden zweiten Samstag im Holstein-Stadion stehen und das Heimteam anfeuern. Wenn die Konsequenz von Spielen wie am kommenden Samstag oder in zwei Wochen gegen Halle die ist, dass sich zunehmend mehr regelmäßige und treue Fans am Westring versammeln, dann freuen wir uns über jeden Erfolgsfan.

 

Natürlich ist es für jeden treuen Fan, der es verpennt hat, sich rechtzeitig Karten für eines der beiden letzten Heimspiele zu besorgen, ärgerlich. Aber muss man sich an der Stelle nicht eventuell den Vorwurf gefallen lassen, dass man als treuer Fan schon längst eine Karte hätte haben müssen? Selbstverstädnlich wollen wir diesen Vorwurf nicht pauschal in den Raum werfen. Vielmehr möchten dazu auffordern, gemeinsam mit uns den Aufstieg zu feiern, denn das Spiel in Großaspach ist noch nicht ausverkauft. ;)