Österreicher und besonders Grazer haben das Mittelmeer vor der Tür. In guten drei Stunden erreicht man die italienische Hafenstadt Triest und kann in die Adria springen. Aber Dominik Glawogger hat sich nicht etwa für das mediterrane Klima entschieden, der Österreicher ist seit Sommer U19-Trainer der KSV an der bisweilen recht rauen Ostsee und auf dem besten Weg, mit seinen Jungs den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga zu schaffen. Dabei ist der Trainerjob in Holsteins Nachwuchsabteilung nur ein weiteres Kapitel in der bereits gut gefüllten Vita des 29-jährigen Österreichers.

 

Anfang 2016 wagte der bis dahin nur im Jugendbereich tätige Coach den Sprung in die erste Liga Tansanias zu Toto African FC aus der zweitgrößten Metropole des Landes, Mwanza. Sein sechsmonatiges Engagement in Ostafrika war am Ende von Erfolg gekrönt, schließlich konnte er mit seinem Team trotz schlechter Vorzeichen doch noch den Klassenerhalt in der Tanzanian Premier League feiern. Zurück in der Alpenrepublik verpflichtete ihn der Floridsdorfer SC aus Wien für das Management, doch im Frühjahr waren wieder seine Fähigkeiten auf dem Platz gefragt. Der Klassenerhalt für den FAC in Österreichs Unterhaus in Gefahr. Auch in der kleineren Fußballszene unseres südlichen Nachbarn sorgte ein so junger Trainer in Verantwortung für einiges Aufsehen, aber auch zwölf Monate später stand abermals der Klassenerhalt für Glawoggers Team zu Buche.

 

Auch in Kiel sieht es ganz so aus, als könne Glawogger auch bei seiner nächsten Herausforderung seine Ziele erreichen. Wie es ein Österreicher überhaupt zu Holstein Kiel schafft, wie es um den Jugendfußball und junge Trainer in seiner Heimat bestellt ist und wie er seine ersten Monate in Kiel erlebt hat, das erzählt Holsteins U19-Trainer im CCK-Interview!

 

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CCK: Die KSV befindet sich auf dem ersten Rang der U19 Regionalliga Nord. Wie lief aus deiner Sicht die Saison bisher? Wie hat sich deine Mannschaft mit der Favoritenrolle arrangiert?

Glawogger: Ein Fazit der bisherigen Saison sollte ein wenig von Liga und Ergebnissen losgelöst erfolgen. Es kann nicht nur das persönliche Ziel eines Spielers sein, die Liga zu gewinnen. Er braucht auch ein individuelles Ziel, das er selbst erreichen möchte. Wenn jemand in den bezahlten Fußball möchte, muss er mehr trainieren und sich besser ernähren. Dann wird aufgrund seiner Leistung seine Mannschaft sowieso aufsteigen.


Für uns war es vor der Saison aufregend, weil ich in ein komplett neues Umfeld gekommen bin, meine Betreuerkollegen und Spieler noch nicht kannte. Ich bin schon stolz darauf, dass wir innerhalb weniger Monate als Gruppe so gut und erfolgreich funktionieren und eine positive Atmosphäre geschaffen wurde.

 

CCK: Wie hast du den Weg nach Kiel gefunden? Ging das Interesse am Verein von dir aus oder bist du vom Verein angesprochen worden?

Glawogger: Ich habe einen Tipp bekommen, dass die Stelle des U19-Cheftrainers in Kiel vakant ist und bin dann auf den Verein zugegangen. Ich war und bin überzeugt, dass der Verein mit diesem ruhigen, familiären Umfeld eine gute Möglichkeit für mich ist, Erfahrungen als Trainer in Deutschland zu sammeln. Dass ich die Mannschaft übernehme, war aber erst relativ spät klar.
Ich habe persönlich auch kein Problem damit, aktiv an einen Verein heranzutreten. Ich bin da eher offensiv.

 

CCK: War die Bedenkzeit vor deinem Engagement in Tansania oder in Kiel länger?

Glawogger: (lacht) Ich habe vor beiden Trainerstationen nicht lange überlegt. Tansania habe ich innerhalb von zwei bis drei Stunden entschieden, ohne Einflüsse von außerhalb. Das war beim Trainerjob in Kiel genauso. Ich brauchte keine Zeit zu überlegen, weil ich mir natürlich schon vorher Gedanken gemacht hatte, was ich als Nächstes machen wollte.

 

CCK: Hast du bei deiner Ankunft im NLZ gemerkt, dass du Dinge komplett anders machst als die bereits hier arbeitenden Menschen?

Glawogger: Es ist normal, dass man Unterschiede in der Arbeitsweise entdeckt. Gerade in einem sehr familiären Verein, wie es in Kiel der Fall ist, wo es viele Menschen gibt, die hier bereits lange arbeiten, gibt es gewisse etablierte Strukturen und Abläufe. Fabian Wohlgemuth bringt viel frischen Wind mit. In der Folge kommt es darauf an, ob man gewillt ist, Unterschiede anzusprechen und Dinge zu verändern.

 

Ich bin da sehr kommunikativ und frage auch oft etwa meine Co-Trainer nach ihrer Meinung. Man muss sich ständig hinterfragen. Wenn ich zum Beispiel mein erstes Training hier mit dem Status Quo vergleiche, dann ist das schon ein großer Unterschied, der auch auf der ständigen Kommunikation beruht. Nur so kann man ständige Weiterentwicklung auch den Spielern verkaufen: Indem man selbst an sich arbeitet.

 

CCK: Kommen wir einmal zu deinem Heimatland: Wenn man sich Karrieren von österreichischen Profis anguckt, sieht man oft, dass sie in Akademien ausgebildet wurden, etwa in der Akademie Tirol oder der Akademie Vorarlberg. Ist das eine Parallelstruktur zur Ausbildung auf Vereinsebene oder wie stellt sich die Situation dar?

Glawogger: Oft ist es so, dass in kleinen Bundesländern mit nur wenigen Vereinen in der ersten und zweiten Liga diese Vereine den Nachwuchs gemeinsam ausbilden. Es gibt nur zwei landesweite Jugendligen, jeweils im Bereich der U16 oder U18. Dort stellt jedes Bundesland in der Regel einen Vertreter. Ausnahme ist Wien, wo Rapid und die Austria eigene Mannschaften stellen und Oberösterreich, wo zwei Akademien einen Vertreter entsenden. Es kommt auch vor, dass die Akademien von dem größten Verein in der Region geführt werden. Die Akademie Steiermark gehört beispielsweise zu Sturm Graz, das muss aber nicht so sein.

 

CCK: Gibt es in Österreich im Herrenbereich ähnlich wie in Deutschland diesen Trend zu ganz jungen Cheftrainern wie Julian Nagelsmann oder Domenico Tedesco? Nach Durchsicht der ersten zwei Profiligen ist mir auf den ersten Blick keiner aufgefallen.

Glawogger: Beim SCR Altach gab es bis vor kurzer Zeit noch einen jungen Trainer. Der durchschnittliche Bundesliga-Trainer wird allerdings weit über 35 Jahre alt sein. Tobias Schweinsteiger ist derzeit im Trainerteam der zweiten Mannschaft des LASK in Linz. Ansonsten hat sich die Altersklasse unter 35 Jahre noch nicht durchgesetzt. Man benötigt grundsätzlich die UEFA Pro Lizenz / den Fußballlehrer, um eine Profimannschaft in den ersten beiden Ligen in Österreich zu trainieren. Diese muss man in jungen Jahren erst einmal erreichen. Mir fällt derzeit kein Lizenzinhaber unter 30 Jahren ein.

 

CCK: In Deutschland setzen viele junge Trainer schon früh nicht mehr auf ihre Spielerkarriere, sondern auf die Ausbildung als Trainer. Dadurch schwindet die Anzahl der Personen, die sich bereits in einer aktiven Profikarriere einen Namen gemacht haben und dann Profitrainer geworden sind, wahrscheinlich bereits etwas.

Glawogger: Genau, in Österreich gibt es grundsätzlich viele Ex-Profis, die bereits drei oder vier Vereine im Profibereich in diversen Landesteilen trainiert haben. Auch ist der Markt doch deutlich kleiner als beispielsweise in Deutschland.

 

CCK: Du bis ein gutes Gegenbeispiel, da du in ganz jungen Jahren bereits den Floridsdorfer AC in der zweiten Liga interimsweise betreut hast. Wie ist man dir von Seiten der Spieler und des Umfeldes dort begegnet?

Glawogger: Ich denke, dass das für den Verein schon eine große Überwindung war. Da gab es wenige Personen, die diesen Schritt zu Beginn befürwortet haben, erst recht, als wir das erste Spiel verloren haben. Man ist dann aber standhaft geblieben. Ich habe erst im Nachhinein gemerkt, dass mein Alter in den Medien doch ein großes Thema war. Aber das passiert nur, wenn du Erfolg hast. Bleibt der aus, wäre es wohl deutlich anders gelaufen.

Für die Spieler dagegen war mein Alter nie ein Thema. Gegenüber ihnen musst du mitreißend auftreten und deine Inhalte überzeugend vermitteln.

 

"Du kannst überall Eindrücke mitnehmen,

aber nie etwas kopieren,

weil du authentisch bleiben musst."

 

CCK: Du nutzt deine freie Zeit gerne zum Hospitieren bei anderen Vereinen. Gibt es ein paar Stationen, wo du besondere Erkenntnisse gewonnen hast?

Glawogger: Du kannst überall Eindrücke mitnehmen, aber nie etwas kopieren, weil du authentisch bleiben musst. Mein Besuch beim FC Empoli (Serie A) war sehr spannend, weil sie mit den Jugendmannschaften an einem Tag der Woche immer auf einem sehr schlechten Platz trainiert haben. Da war das Argument, dass man die Jungs hungrig halten wolle. Trotz des vielleicht höheren Verletzungsrisikos. Das kann man bewerten wie man möchte.
Italien insgesamt war generell interessant, aber sehr taktik- und defensivlastig.


In Salzburg hat man gesehen, welche unglaublichen infrastrukturellen Möglichkeiten dieser Club hat. Das war beeindruckend. Ansonsten war ich auch viel im Grazer Raum unterwegs (Sturm, Wolfsberg, Hartberg). Vor kurzem durfte sogar bei Charlton Athletic und Brighton&Hove Albio hospitieren. Eine wirklich tolle Erfahrung.

 

CCK: Du erweiterst demnach stetig dein Portfolio. Wie wichtig ist die eigene Darstellung, das eigene Portfolio, die Öffentlichkeitsarbeit für junge Trainer in diesen Tagen?

Glawogger:  Ich denke, dass diese Komponente ein wenig zu hoch gehangen wird. Natürlich muss man sich auch selbst in gewisser Weise präsentieren können. Allein eine ansprechende Social Media Präsenz ist aber auch zu wenig. Am wichtigsten bleibt die gute Arbeit auf dem Platz. Ehemalige Spieler oder Kollegen sind immer eine gute Referenz.

 

CCK: Bist du lieber im Nachwuchsbereich oder im Profibereich mit entsprechend vermehrter öffentlicher Wahrnehmung tätig?

Glawogger: Ich bin nicht den klassischen Weg vom Jugend- zum Herrentrainer gegangen. Es war umgekehrt. Während meiner Tätigkeit beim Floridsdorfer AC in der zweithöchsten österreichischen Liga war ich immer wieder medial im Fokus. Mich persönlich hat diese Aufmerksamkeit für meine Arbeit gefreut. Ich habe immer gerne Anfragen beantwortet oder Interviews gegeben. Das ist aber auch typabhängig. Jeder Trainer hat seinen eigenen Umgang mit den Medien.
Schlussendlich ist es aber das Wichtigste, dass man eine Aufgabe vorfindet, die einen herausfordert und nie langweilt. Die Arbeit mit einer Nachwuchsmannschaft, deren Spielerkader sich vor jeder Saison häufig stark verändert, ist jedenfalls sehr interessant.


Zusammengefasst bin ich dankbar, bis dato sowohl im Profi- als auch im Nachwuchsbereich bei namhaften Vereinen erfolgreich tätig gewesen zu sein, und in meinen jungen Jahren schon viele Erfahrungen gesammelt zu haben.

 
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