Über 15 Jahre hat er an der Entwicklung der Holsteiner Fanszene mitgearbeitet, in den letzten Jahren als Vorsänger auf dem Zaun. Zum Heimspiel gegen Erzgebirge Aue nahm Uther zum letzten Mal das Megafon in die Hand. „Mit 29 muss man sich langsam mal auf andere Dinge konzentrieren“, sagt er. Ausschlaggebend für den „Rücktritt“ vom Podest sei aber etwas anderes gewesen. „Ich habe immer gesagt, wenn ich mich nicht mehr weiterentwickele, also in meiner Tätigkeit als Vorsänger stagniere, dass dann der Zeitpunkt gekommen ist, aufzuhören. In der letzten Saison war das schon in zwei drei Spielen so. Diese Saison habe ich es dann extrem gemerkt, dass ich mich schnell mit Dingen zufrieden gegeben habe. Ich war nicht mehr so verbissen, wie am Anfang einmal. Ich habe nicht mehr so sehr um den Support und die Lautstärke gekämpft, wenn nicht mehr weitergesungen wurde. Da muss man dann auch ehrlich zu sich selbst sein.“

 

11223782 899807070092529 1177293515837244979 o

 

Der „Stab“ wird weitergegeben – trotzdem meldet sich Uther noch einmal zu Wort.

 

CCK: Moin Uther! Um die Geschichte mal ganz von hinten aufzurollen: Wie bist du eigentlich zu Holstein gekommen?

Uther: Bei dem ersten Holstein-Spiel, ich bin mir nicht mehr ganz sicher, war ich in der Saison 2001/2002 – also alleine, ohne Eltern. Das war ein Spiel gegen die BSG Sachsen Leipzig, bei dem es um den Nicht-Abstieg ging. Famila hatte im Vorfeld Freikarten verteilt. Dann war ich erst einmal unregelmäßig da, bis zum 10. Spieltag der Saison 2003/2004. Es war ein Heimspiel gegen Preußen Münster, die Flutlicht-Anlage funktionierte nicht ordentlich und vor der Tanke gab es so ein paar Techtelmechtel mit den Münsteranern. Seitdem hab ich nur zwei Heimspiele verpasst.

 

Und wie bist du dann Capo geworden?

In der Saison 2014/15 hatte ich Stadionverbot. Die Supside selbst hatte keinen Vorsänger, der in der Gruppe aktiv war. Marc und Yannick hatten es damals gemacht, bis ich wieder ins Stadion durfte. Auf einem Mitgliedstreffen im Vorfeld hatten wir beschlossen, dass sobald mein SV endet, ich auf jeden Fall mit auf den Zaun gehe. Nach einer Zeit zu dritt habe ich es dann irgendwann alleine gemacht. Das hat sich so ergeben. Zum einen, weil ich immer die größte Klappe hatte und zum anderen, weil wir als Ultrà-Gruppe von Holstein den Anspruch hatten, einen Vorsänger zu stellen.Seitdem habe ich es dann bis vor zwei Wochen gemacht.

 

Welche Choreos sind dir aus deiner Zeit im Gedächtnis geblieben. Gibt es da vielleicht eine Top 5?
Ich hab keine Reihenfolge. Jede Choreo, die gut durchorganisiert ist und gut durchgeführt wird, ist für mich etwas besonderes. Das schockt immer. Natürlich ist mir ganz doll unser Schiff in Erinnerung geblieben, das wir in den Block gebaut haben. Innerlich habe ich Rotz und Wasser geheult, weil es eine kurze Zeit so aussah, als wenn es in sich zusammenstürzen würde. Das war auf jeden Fall dramatisch für mein Herz. Das Echo danach war dann richtig krass, sogar international fand die Choreo Beachtung. Das werde ich garantiert nie vergessen.

 

holstein vs stuttgart 20150809 1768958260

 

Aber auch die anderen werden mir in Erinnerung bleiben, wie die Supside-10-Jahre-Choreo, die in drei Tagen entstanden ist. Oder gegen Rasenballsport die Choreo mit den vier großen Pappfiguren, die mit einem ultrakleinen Budget entstanden ist, aber groß war.

 

Ich finde aber jede Choreo, die klappt, richtig mächtig. Vor allem, wenn man weiß, wie viel Zeit Arbeit die Menschen quasi ehrenamtlich dafür investiert haben.

 

Wenn du auf die damalige Fanszene zurückblickst: Wie würdest du sie beschreiben? Gibt es Dinge, die du heute vermisst?

Ganz klar vermisse ich die Zeit, als es die Supside noch gab. Davon einmal abgesehen war es zu meiner Anfangszeit als Vorsänger alles familiärer bei Holstein. Es waren einfach nicht so viele Menschen da. Was man besprechen musste, konnte man auch am Spieltag im Stadion machen. Jeder kannte jeden. Mit den entsprechenden Leute ist das natürlich auch heute noch so.

 

Aber es ist natürlich gut, dass sich alles weiterentwickelt hat. Und dass in der 2. Bundesliga immer viele Leute da sind und das Stadion gut gefüllt ist.

 

Dass dadurch einige Dinge nicht mehr so möglich sind wie früher, ist der Lauf der Dinge. Das ist ein bisschen schade, aber eigentlich auch nicht. Es ist ein stetiger Prozess, in dem sich auch die Fanszene entwickelt und sich auch andere Dinge verändern.

 

Ich weiß nicht, ob du dich erinnerst: Wir hatten uns in der letzten Saison mal auf dem Vorplatz getroffen. Du warst ziemlich angepestet vom Anspruchsdenken einiger Leute auf den Tribünen...

Da kann ich mich auf jeden Fall dran erinnern. Ich hatte mit mehreren Menschen damals darüber gesprochen. Das hatte mich wirklich gestört. Auf der einen Seite ist das aber auch eine logische Entwicklung. Viele der heutigen Zuschauer haben bei Holstein fast nur Erfolge miterlebt – den Aufstieg in die Zweite Liga; die Relegation zur 1. Bundesliga, die gegen Wolfsburg verloren wurde; auch die letzte Saison.

 

Das hat mich schon phasenweise sehr gestört, wie hoch das Anspruchsdenken der Kurve im Allgemeinen war. Teilweise wurde bereits bei Unentschieden gepfiffen oder der Support eingestellt, nur weil Holstein in Rückstand geraten ist. Das ist natürlich auch ein Preis des Erfolgs – hat sich zum Glück aber inzwischen wieder etwas gebessert.

 

Es ist aber auch schwierig. Viele der Zuschauer haben so dramatische Niederlagen wie damals beim Abstieg in Erfurt oder eine 1:6-Niederlage auf einen Sonntag gegen die Zweite von Mönchengladbach vor sechs Holsteiner Fans nicht miterlebt. Vielleicht haben sie deshalb gar nicht das Gefühl dafür, wie schön es ist, in der 2. Bundesliga zu spielen. Wenn zwei Spiele in Folge mal scheiße sind, sind es aber immer noch zwei beschissene Spiele in der Zweiten Liga – und nicht in der Oberliga Nord auf einem Dorfsportplatz in Hennstedt-Rhen.

 

Meinst du, dass das der unvermeidbare Preis des Erfolgs ist oder würdest du dir trotzdem manchmal etwas mehr Demut wünschen?

Ich denke, da ist auf jeden Fall mehr Demut notwendig, selbst wenn man es sportlich betrachtet. Jede Saison wechselt der Trainer, die halbe Mannschaft bricht weg – und dann ist Holstein immer noch der Underdog. Mit dem Kauf einer Eintrittskarte dann immer Erfolge zu erwarten, ist schon vermessen. Aber auch hier habe ich das Gefühl, dass es sich wieder etwas umkehrt.

 

Was die Entwicklungen betrifft: Als Vorsänger hat man ja auch eine gewisse Macht, Dinge zu beeinflussen. Hast du dich im Gegenzug auch für die Kurve verantwortlich gefühlt?

Große Macht bringt große Verantwortung mit sich, ganz klar. Das war mir immer bewusst, dass ich mit meinem Wort in der Kurve viel bewirken konnte und vermutlich immer noch kann. Gleichzeitig hab ich mich für die Kurve in ihrer Gesamtheit immer verantwortlich gefühlt. Ich hab zuerst stets vor der eigenen Haustür gekehrt.

 

Wenn bei einem Spiel der Support nicht so lief, wie ich mir das vorgestellt hatte oder wie wir uns das gewünscht hatten, muss man immer erst selbst reflektieren. Was kann man besser machen? Wo kann man an Stellschrauben drehen? Ist vielleicht der eine oder andere Gesang zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht passend? Muss da mehr Abwechslung rein? Da muss man vieles bedenken, auch wie man sich selbst präsentiert. Das ist ganz wichtig. Da hab ich mich schon sehr verantwortlich gefühlt.

 

Auch wenn bei einer Auswärtsfahrt mal Unfug gemacht wurde, das man mal einen Ton sagt und das große Ganz im Blick hat. Ich hatte ja auch die Erfahrung bei gewissen Sachen. Irgendwo wird eine Flasche Cola geklaut und als Resultat werden dann 50 Leute gekesselt und treten im schlimmsten Fall die Rückreise direkt nach der Personalienaufnahme an. Da habe ich immer ein Auge drauf gehabt und mich verantwortlich gefühlt.

 

Die Leute schauen zu einem auf – auch wenn es vielleicht nicht das richtige ist, aber so ist es nun einmal. Und mit meinem Tun und Handeln war ich ja auch immer irgendwie ein Aushängeschild der Kurve – dementsprechend muss man auch die Verantwortung akzeptieren.

 

Durch deinen prominenten Platz warst du ja teilweise bei den Gegnern recht gut bekannt. Wenn man da die Zielscheibe ist – hast du das ein wenig gefeiert, nervt das oder war es dir schlichtweg egal?

 

Die ersten Male, als ich zur Zielscheibe wurde, waren das irgendwelche „lustigen“ Aufkleber aus Hannover oder Flyer aus Hamburg. Wenn es Aufeinandertreffen gab, wurde ich dann auch sofort erkannt von mehreren Fanszenen der Bundesrepublik. Die ersten Male war das tatsächlich nervig und unangenehm. Gefeiert hab ich das nie, ich hab es irgendwann akzeptiert. Das gehört einfach dazu.

 

Es sind ja nicht nur gegnerische Szenen, die es meistens nicht gut mit einem meinen, wenn sie dich sehen und dann ansprechen. Auch wenn ich es eigentlich nicht war, war ich der Anlaufpunkt für die Polizei, Anlaufpunkt für die Fanvertreter, Anlaufpunkt für die Sicherheitsleute, Anlaufpunkt für Vereinsoffizielle und auch für die Leute aus der Kurve – weil man halt schon der präsenteste in der Kurve ist. Das habe ich dann irgendwann hingenommen.

 

18319139 1522780037795226 5906991471761922798 o

 

Wie war eigentlich das Verhältnis zum eigenen Verein, zu Verantwortlichen, zu Spielern, Trainern...?

Generell ist mein Verhältnis weniger geworden im Vergleich zu vor zwei Jahren. Damals hatte die Supside ihre Hochphase mit dem 10-jährigen Bestehen. Grundsätzlich gab es häufiger Schwierigkeiten, häufig Diskussionsbedarf, auch Ärger. Der Konflikt mit dem damaligen Sicherheitsbeauftragten Thomas Döbel war da eine der ersten Geschichten.

 

Dann gab es mal einen Streit mit der Mannschaft, wo wir ein Wortgefecht mit dem damaligen Kapitän, Sven Boy, hatten. Da sind wir dann anstatt zum ersten Spiel der Liga zu dem der U23 nach Neumünster gefahren. Oder Ärger wegen der Fahnenplätze, wegen Graffiti in der Stadt, und so weiter.

 

Aber, was man der jetzigen Vereinsführung auch zugute halten muss: Gesprächsbereit war der Verein immer, wann wir (als es die Supside noch gab) es waren. Auch ich als Person habe immer gesagt, man muss immer in den Dialog treten können. Wenn am Ende nicht dabei rauskommt, hat man es wenigstens versucht. Tatsächlich wurden wir auch ernst genommen, als wir begonnen haben, diesen Weg als Gruppe einzuschlagen. Seitdem konnte man zumindest über alles sprechen. Natürlich ist es mit dem einen leichter, als mit dem anderen.

 

Aber mein Verhältnis zum eigenen Verein war immer super. Mit Kalle Neitzel war ich gelegentlich mal Bier trinken. Ich habe noch Handynummern von verschiedenen Spielern und Verantwortlichen. Wenn etwas war oder ist, kann ich die sofort erreichen und es wird sich auch Zeit genommen. Ich kann zur Geschäftsstelle fahren und da meine Anliegen direkt abklären, ohne große Distanz. Persönlich habe ich zudem zu Holsteins Pressesprecher Wolf Paarmann ein sehr gutes Verhältnis.

 

Obwohl du auf dem Zaun standst, warst du ja immer gleichzeitig Holstein-Fan. Hättest du da nicht einfach manchmal nur gerne das Spiel geschaut?

Natürlich gab es da schon das eine oder andere Spiel, wo mich meine und die Leistung der Kurve nicht überzeugt hat. Da habe ich dann gedacht: Du machst das nicht mehr weiter. Aber das waren immer nur Situationen, nur Momentaufnahmen.

 

Tatsächlich habe ich aber auch in den letzten beiden Spielzeiten nur zwei Tore nicht gesehen, weil die überraschend kamen. Man lernt, wenn man auf dem Zaun steht, das Spiel in den Gesichtern der Leute zu sehen. Der Block, die Zuschauer, alle reagieren auf das Spiel mit ihrer Mimik und ihrer Gestik. Es wird leiser oder anders laut, wenn etwas spannendes passiert. In den Momenten habe ich mich dann ja auch umgedreht.

 

Gegen Ende der letzten und zu Anfang dieser Saison hab ich es dann aber ganz deutlich gemerkt, dass ich lieber das Spiel schaue. Man hat 90 Minuten im Block stehen, das Spiel sehen, abgehen. So bin ich damals zu Holstein gekommen und es ist jetzt für mich genau das richtige.

 

Hast du noch ein paar Abschlussworte an die blau-weiß-rote Gemeinde?

Ich bin ja weiter im Block und nicht aus der Welt. Wenn sich alles so weiterentwickelt, wie bisher, sehe ich die Holsteiner Fanszene und die Westtribüne auf einem sehr guten Weg. Das freut mich persönlich auch, dass da einiges in letzter Zeit entstanden ist.

 

danke

 

Ich würde mal sagen, macht da weiter, gebt noch mehr Gas und seid noch lauter – das geht immer. Außer es geht wirklich nicht mehr und alles schmerzt und man kotzt. ;) Ansonsten hört auf die Jungs auf dem Zaun und unterstützt sie, denn es ist wirklich keine leichte Aufgabe - wird aber leichter je lauter und durchgängiger der Support für unser Team ist.

 
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok