Während die Liga dieses Wochenende in Heidenheim ran muss, gastiert bei der Zweiten mit Altona 93 am Sonntag einer der (nord)deutschen Traditionsvereine. Trotz doch längerer Abstinenz in den ganz hohen Spielklassen hat sich beim AFC eine Fanszene entwickelt und erhalten, die auf dem Liga-Level eher selten zu finden ist. Einen kleinen Einblick in die Altonaer Fanseele gewährt uns Jan, der seit Jahren auf der Adolf-Jäger-Kampfbahn als der Fanzine-Schreiber und -Verkäufer bekannt ist.

Dieser Text erschien erstmals im Osnabrücker Fanzine „Monkey Business“ (Nr.8,HR 12/13) und wurde lediglich an einigen Stellen aktualisiert.

 

Die Altonaer Droogs

 

Anhänger*innen von Fußballvereinen wollen ihre Vereine erfolgreich (und schön?!) Fußball spielen sehen und die Tradition ihres Vereins in Ehre halten. Oftmals schließen sie sich zusammen, verfolgen die gleichen Ideale und treten als verschworene und etwas elitäre Gemeinschaft auf. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum in ihren Kreisen besonders häufig die Allegorie der Droogs aus Clockwork Orange bemüht wird. An eines der bekanntesten Abbilder der Droogs erinnert der Glücksbärchiaufkleber, den es seit einigen Jahren in Altona zu bewundern gibt.

 

Bärchen

 

Anhand dieses, für Fußballzusammenhänge etwas ungewohnten, Bildes möchte ich Euch in die Seelenwelt eines Altona-93-Anhängers entführen. Dieser Anhänger bin – und nur so macht es Sinn – ich selbst. Diejenigen, die mich oder unser Fanzine kennen, wissen, dass ich dem Sammeln von Sammelbildern verfallen bin. Und ich muss hiermit öffentlich gestehen, dass mein erstes Paninialbum kein Fußball-, sondern ein Glücksbärchialbum war.

 

Deshalb zunächst einmal ein kleiner, auffrischender Rückblick in die 1980er: Wir alle wissen noch genau, dass jedes Glücksbärchi eine eigene Farbe und ein eigenes Symbol auf dem Bauch hatte, mit dem es Glücksstrahlen aussenden konnte, um unangenehme Gefühle zu verbannen. Für genauere Infos hilft uns kurzes Wikipedieren: Die Glücksbärchis leben zusammen mit dem Wolkenwächter und kleinen, fliegenden Sternen und Herzen im Wolkenland, das aus dem Herzbärchiland, dem Wald der Gefühle und dem Paradiesischen Tal besteht. Dort oben wachen sie über die Menschen, vor allem über die Kinder. Wenn Schwierigkeiten auftreten, versammeln sich alle Glücksbärchis imHerzsaal und lesen anhand ihres Glücksbarometers die Gefühle der Menschen ab. Immer wenn jemand ein Problem hat, erscheinen die Bärchis mit ihrem Wolkenmobil oder durch den Regenbogenstrahl und helfen weiter.

 

Paradiesisches Tal

 

Das Paradiesische Tal vieler Altona 93-Fans ist die klangvolle Vergangenheit des Vereins. Im Jahr 1900 gründete Altona 93 mit 85 anderen Vereinen in Leipzig den DFB und bis zur Einführung der Bundesliga 1963 spielte man zumeist in der höchstmöglichen Spielklasse. In den 1910er und 1920er Jahren festigte der AFC seinen Ruf als eine der führenden Mannschaften Deutschlands. Dabei tanzten die Altonaer Spieler auf vielen Hochzeiten.

 

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Neben den Teilnahmen an Endrunden zur deutschen Meisterschaft tourten sie auch regelmäßig zu so genannten „Privatspielen“ durch Deutschland und Nordeuropa. In Zeiten eines sehr regionalen Ligensystems waren dies die besten Möglichkeiten an Ansehen und Geld zu gelangen. So wurde der AFC auch zu einem der ersten kommerziellorientierten Vereine in Deutschland, die professionelle Strukturen und eine überregionale Liga forderten. Ein Umstand, der kaum zur Folklore der meisten gegenwärtigen Anhänger*innen des Vereins zu passen scheint.

 

Doch zurück zu den Altonaer Spielern. Sie waren auch integraler Bestandteil der viel geschätzten Auswahlmannschaften Hamburgs, Norddeutschlands und Deutschlands. Hier bedacht zu werden steigerte das Prestige erheblich und führte, gemeinsam mit der enstandenen Massenkultur in den 1920er Jahren, dazu, dass Adolf Jäger und Erich Wentorf zu den ersten „Stars“ des deutschen Fußballs gehörten. In ihre Fußstapfen traten in den 1950er Jahren Heinz Spundflasche, Dieter Seeler und – vor allem: Werner Erb.

 

Herzbärchiland

 

Diese paradiesischen Zeiten sind nun schon seit Jahrzehnten vorbei. Das Glücksbarometer der AFCer*innen schlägt zwar immer noch deutlich aus, wenn die kleinen Sterne in schwarz-weiß-rot-geringelten Trikots das Feld betreten, doch werden diese nicht mehr ohne weiteres von jedem Kind im Land erkannt. Das rührt vor allem daher, dass unser Herzbärchiland in den letzten zehn Jahren zumeist die fünfklassige Hamburgliga war.

 

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So benötigten wir auch keinen Regenbogenstrahl mehr, um zu den Auswärtsspielen zu gelangen, sondern konnten alle Sportplätze „bequem“ mit dem öffentlichen Personen-Nah-Wolkenmobil erreichen. Vor einigen Jahren war dies noch anders. Wir bereisten zunächst ganz Norddeutschland und dann, für eine Saison, sogar denwilden Osten.

 

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So verdrängten wir auch in den entlegensten Winkeln dunkle Gefühle. Beispielsweise machten wir uns an einem Mittwochabend auf, um Prof. Kaltherz und Dr. Angst mit dem Lied „Ein bisschen Frieden auch hier in Chemnitz – und das die Menschen nicht so oft weinen...“ aufzumuntern. Doch das traurigste an dieser Saison war, dass wir für die Heimspiele unseren Herzsaal verlassen mussten.

 

Herzsaal

 

Denn der Herzsaal ist alt und war nicht gemacht für die großen Feste und Gäste der Regionalliga, sagt der DFB. Und sein kleiner Bruder, der NFV, empfand das genauso. Unser Herzsaal ist und bleibt aber die Adolf-Jäger-Kampfbahn. Der Rockstarbärchi nennt sie in unserer Vereinshymne unser Adolf-Jäger-Wohnzimmer – und das ist sie auch. Seit über hundert Jahren treffen wir uns hier alle zwei Wochen, um zu singen, zu tanzen und gemeinsam Spaß zu haben.

 

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Und das ist viel wichtiger als die Größe des Herzbärchilandes, das um den Herzsaal herum ist. Im Herzsaal treffen sich durchschnittlich etwa 1.000 Glücksbärchis und es ist noch reichlich Platz für weitere, andersfarbige Bärchis mit neuen Symbolen auf ihren Bäuchen. Gut, dass dies inzwischen auch der NFV eingesehen hat und uns nach dem Errichten einiger DFB-konformer Abgrenzungsinstrumente in unseren Herzsaal zurückgelassen hat.

 

Wald der Gefühle

 

Wenn wir so beieinander sind, fühlen wir uns ganz besonders wohl. Und wenn wir so glücklich sind, dann feiern wir das auch gern mit einem gemeinsamen Getränk. Auch wenn einige nach außen hin andere Gründe angeben. Wenn ein Glücksbärchi unzufrieden ist – etwa mit der gezeigten sportlichen Leistung oderdem Arrangement, das uns der gastgebende Verein bietet – dann hallt schon mal ein „Da muss man ja Drogen nehmen!“ aus dem Glücksbärchiblock.

 

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Ähnlich kommt die Entschuldigung daher, wenn die Feierei von unseren kleinen Sternen ganz besonders angeheizt wird: „Bier ist unser Capo – AFC!“ Trotzdem wir uns so wohl beieinander fühlen, tun wir uns doch schwer damit uns aneinander zu binden. So gibt es keine AFC-Fanclubs, sondern lediglich Bezugsgruppen von Glücksbärchis, deren Symbole auf den Bäuchen sich schön ergänzen. Auch in der Fanabteilung des Vereins, die vor nunmehr zehn Jahren von einigen Bärchis gegründet wurde, finden sich nicht alle zusammen, die sichim Herzsaal miteinander wohlfühlen.

 

Cousins der Glücksbärchis

 

Die Glücksbärchis haben neben den Kuschelfreunden in den eigenen Reihen auch noch ihre Cousins. Das sind andere Tiere, die auch ein Symbol auf dem Bauch haben und Glücksstrahlen aussenden können. Mit diesen Cousins treffendie Glücksbärchis sich gerne, um auch mit ihnen Glücksstrahlen auszutauschenund ein Getränk zu nehmen. Cousins, mit denen sich viele Bärchis schon seit Jahren gerne treffen, wohnen zum Beispiel in London, Hannover und Oldenburg. Aber das sind dann schon ganz neue Abenteuer, die ein andermal erzählt werden sollen.

 
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